„Der Kapitalismus delegitimiert sich selbst“

Von Louisa Schmidt

Soziale Ungleichheit gehört zum Kapitalismus wie der Tag zur Nacht – so zumindest argumentiert Mesut Bayraktar und holt die Theorien eines der größten Denker der Geschichte zurück in den Hörsaal 

Er ist wieder da: Karl Marx. Zumindest läuft der große Denker derzeit über die Leinwände deutscher Kinos, sein Hauptwerk das Kapital wird 150 Jahre alt, und in den Kommentarspalten vieler Zeitungen fragen sich Journalisten, ob die Theorien des Kapitalismuskritikers heute aktueller denn je sind. Dabei denken sie an die globale Finanzkrise, die „Verlierer der Globalisierung“, die Schere zwischen Arm und Reich.Wo Marx nicht ist: In den Hörsälen der meisten VWL-Vorlesungen. Denn angelsächsische Ökonomen belächeln Marx‘ Einfluss auf die Volkswirtschaftslehre in aller Regel. Zeit, ihn auch zurück an die Uni zu holen.
Bei der Ringvorlesung tritt er nicht als Filmheld, sondern in Gestalt eines jungen Herrn mit Hornbrille, dunklen Locken und einem Bart, der dem seines Vorbilds noch nicht ganz würdig ist, ans Pult: Mesut Bayraktar. Der Rechtsreferendar und Chefredakteur der Literaturzeitschrift „nous“ sieht sich als Diskutant. Und diskutieren möchte er die sozialen Verhältnisse. (Hier gibt es den Vortrag von Mesut Bayraktar als Essay zum Download)

DSC_0014bAuch für ihn war spätestens seit der Finanzkrise glasklar: Marx ist hochaktuell, der Kapitalismus delegitimiert sich selbst. Die EZB-Geldpolitik? Sei nichts anderes als die künstliche Beatmung eines lungenkranken Patienten. Die massive soziale Ungleichheit? Aus dem kapitalistischen System nicht wegzudenken. Diese Ansicht fußt auf einer von Marx‘  Grundthesen: Das wirtschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein, ökonomische Gesetze legen den Rahmen allen Handelns fest – und demnach ist auch soziale Ungleichheit in erster Linie kein Problem der Verteilung, sondern ein Problem der Produktionsweise.

Diese Produktionsweise nimmt Bayraktar nun stellvertretend für seinen Vordenker unter die Lupe. Das Fundament von Marx‘ Kritik am Kapitalismus ist die Arbeitswerttheorie – eine Lehre, die ursprünglich nicht von ihm, sondern den klassischen Nationalökonomen Adam Smith und David Ricardo stammt. Die Ökonomen trieb die Frage um, wie man den Wert eines Gutes bemessen könne, Marx machte sich diese Lehre zu eigen entwickelte sie weiter.

Präsentation Marxismus
Die Präsentation zum Vortrag hier zum Download

Hier die verkürzte Darstellung dessen, was Bayraktar in einer Stunde erklärt hat: Nach der Arbeitswerttheorie hat ein Gut nur deshalb einen Wert, weil „menschliche Arbeit in ihm materialisiert ist“. Arbeit ist demnach die Substanz, die den Wert und somit den Preis eines Gutes bestimmt. Und dieser Wert lasse sich messen: in der Arbeitszeit, die die Gesellschaft im Schnitt benötigt, um das Gut herzustellen. Der Tauschwert der Arbeit ist in der Theorie gerade so hoch, dass der Arbeiter das zum Leben Notwendige bezahlen kann.  Doch der Arbeiter produziert laut Marx nicht bloß den Gegenwert seines Lebensunterhalts, sondern einen Mehrwert. Diesen behält der Kapitalist für sich. Den Profit kann er nun reinvestieren, der kapitalistische Prozess dehnt sich aus und dringt in alle Lebensbereiche ein – eine systematische Ausbeutung, die nur durch Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse beseitigt werden könne.

Als Texte über unsere bisherigen Veranstaltungen sind bereits erschienen:

Gerade die Arbeitswerttheorie ist hoch umstritten; viele Wirtschaftswissenschaftler bezeichnen sie als Ideologie, vorwissenschaftlich oder schlichtweg falsch. Tatsächlich: Bayraktars kurzer Ritt durch Marx Ausführungen wirft viele Fragen auf – das zeigt sich auch an etlichen Wortmeldungen aus dem Publikum. Der Referent verweist dabei regelmäßig auf Marx‘ drei Hauptwerke: Die gewonnenen Erkenntnisse über das kapitalistische System, das er zu seiner Zeit mit viel Pioniergeist untersucht hat, lassen sich schlichtweg nicht in 90 Minuten Vorlesung packen. Immerhin: Einige Wissenschaftler erkennen auch heute noch an, was die moderne Ökonomie Marx zu verdanken hat. Hans-Werner Sinn etwa würdigte ihn erst vor kurzem im Deutschlandfunk als einen der ersten und wichtigsten Begründer der Makrotheorie.

DSC_0038bEine der spannendsten Fragen bleibt: Wie können wir heutige Probleme durch Marx‘ Augen betrachten? Was ändert sich im Vergleich zur Neoklassik, wenn wir seinen Blick einnehmen? Eine Antwort darauf bleibt der Vortrag weitestgehend schuldig. Doch wäre das nicht eine Anregung für eine künftige Veranstaltung für angehende Volkswirte?

In einem ist sich Mesut Bayraktar zumindest sicher und schließt mit den Worten Berthold Brechts:

Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
»Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich«.

In den kommenden Wochen warten weitere spannende und kritische Redner auf Euch. Einen Überblick über alle weiteren Veranstaltungen der Ringvorlesung findet ihr in unserem Programm.

Hier gibt es die Folien zum Vortrag zum Download.

Hier gibt es den Vortrag von Mesut Bayraktar als Essay zum Download.

Update: Hier findet ihr die Videoaufzeichnung des Vortrags.

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