Der Homo Oeconomicus – ein ganz schön unsympathischer Typ

Von Sebastian Moritz

Eines steht fest: Im Leben dürfte er es ganz schön schwer haben. Er ist verdammt egoistisch. Er denkt ständig nur an sich. Und wenn er sich mal mit jemand anderem zusammentut, dann hat er am Ende doch nur seine eigenen Interessen im Kopf. Ein ganz schön unsympathischer Typ, sollte man meinen. Einer derjenigen, um die man auf einer Party lieber einen Bogen macht. Echte Freunde hat der garantiert nicht. Ganz zu schweigen von einer Beziehung. Naja, er wird schon irgendwann seine Quittung dafür bekommen. Wirklich glücklich wird der garantiert nicht. Sollte man meinen.

Denn dieser Typ hat es trotzdem irgendwie geschafft. Er ist verdammt berühmt, es beschäftigen sich sogar Wissenschaftler mit ihm. Und das nicht, OBWOHL er so egoistisch ist, sondern WEIL er es ist. „Homo Oeconomicus“ nennen wir ihn ganz selbstverständlich.

Doch mit dieser Selbstverständlichkeit sollte Schluss sein, meint Ulrich Thielemann. Der Wirtschaftsethiker ist Direktor am MeM – Denkfabrik für Wirtschaftethik e.V. in Berlin (hier bloggt er regelmäßig). Im Rahmen der Ringvorlesung sprach er über die „Illusion wertfreier Ökonomik“. Denn da ist sich Thielemann sicher: Frei von Werten ist die Wirtschaftswissenschaft schon lange nicht mehr. Und das liegt auch am unsympathischen Homo Oeconomicus. Generationen von Studenten lernen, wie sich dieser Typ durchs Leben schlägt. Sie lernen, wie er den ganzen Tag damit beschäftigt ist, seinen Nutzen zu steigern – und dabei gänzlich darauf pfeift, was seine Mitmenschen davon halten. Schließlich ist er ja rational, genau genommen ist der Homo Oeconomicus die Verkörperung der Rationalität.

Und selbst, wenn er sich nicht darum kümmert, am Ende des Monats möglichst viel Geld auf dem Konto zu haben, sondern seinen Nutzen dadurch steigert, dass er seine moralischen Ziele verwirklicht, stecke dahinter doch wieder ein ziemlich egoistischer Gedanke, meint Thielemann. Der Homo Oeconomicus versuche seine Ziele – egal, ob moralisch oder materiell – gegen seine Umwelt durchzusetzen. Dass seine Mitmenschen Einwände gegen seine moralischen Ziele haben, sei vollkommen ausgeschlossen.

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Den ganzen Vortrag von Ulrich Thielemann inklusive Folien im Video

Das mag konsequent sein, wertfrei ist es nicht. Aber sollte eine Wissenschaft das nicht sein?

Ein Versuch aus einer normativen, also wertenden, eine positive, also beschreibende Wissenschaft zu machen, könnte die Verhaltensökonomik sein. Denn schließlich versucht sie ja durch eine Reihe von Experimenten herauszufinden, wie die Menschen wirklich ticken – und findet dabei immer wieder heraus, dass es von diesen vollkommen rational ausgerichteten Menschen doch gar nicht so schrecklich viele gibt. Wertfrei sei die Verhaltensökonomik so Thielemann trotzdem nicht. Schließlich gehe sie nach wie vor davon aus, dass die Nutzenmaximierung der Kern des wirtschaftlich rationalen, also richtigen, Handelns sei. Wenn beispielsweise Eltern vom Kindergeld, so wie es gedacht ist, Klamotten für ihre Kinder kaufen und sich damit nicht einen schönen Urlaub zu zweit gönnen, gelte das nicht als irrational, sondern als Ausdruck einer „verzerrten“ Entscheidung. Und das ist doch mal garantiert eine Wertung, oder?

Aber ganz so schlimm kann das mit dem egoistischen Homo Oeconomicus doch gar nicht sein. Schließlich gilt doch das Motto: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“ Heißt: Wenn sich jeder darum kümmert, seinen eigenen Nutzen zu maximieren, ist das unterm Strich gut für das Gemeinwohl.

DSC_0133„Effizient“ würden Wirtschaftswissenschaftler gemein hinsagen. „Doch effizient für wen?“, fragt Thielemann. Und vor allem: „Effizient für wen nicht?“ Wenn Gewinner und Verlierer gegeneinander aufgerechnet würden, führe das zu einer allgemeinen Ökonomisierung der Lebensverhältnisse. Es sei beispielsweise nicht möglich irgendwo Arbeitsplätze zu schaffen, ohne irgendwo anders Arbeitsplätze zu zerstören. „Es gibt kein schmerzloses Wachstum“, sagt Thielemann.

Das Problem sei, dass die Ökonomik stets für eine Ökonomisierung argumentiere, aber nie dagegen. Wirtschaftsethisch sei das jedoch äußerst kritisch. Thielemann fordert daher eine pluralistische Öffnung der Wirtschaftswissenschaften und wünscht sich eine Ökonomik, die auch ganz selbstverständlich über die Marktlogik streitet. Denn vielleicht muss der Homo Oeconomicus ja gar nicht so ein unsympathischer Typ sein.

Die Folien von Ulrich Thielemanns Vortrag findet ihr hier zum Download.

Hier findet Ihr den kompletten Vortrag als Video, in dem auch die Folien mit aufgezeichnet sind.

In den kommenden Wochen warten weitere spannende und kritische Redner auf Euch. Einen Überblick über alle weiteren Veranstaltungen der Ringvorlesung findet ihr in unserem Programm.

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