Manchmal ist Ökonomie Kunst

Von Louisa Schmidt

Martin Hellwig glaubt an die klassischen Wirtschaftswissenschaften. Woran er nicht glaubt, sind Allheilmittel. Im Interview erklärt er, warum Ökonomie manchmal mehr Kunst als Wissenschaft ist

Er leitete die Monopolkommission, studierte am MIT, lehrte in Harvard, Bonn, Mannheim: Martin Hellwig ist sowohl in der akademischen Welt wie auch in der Politikberatung einer der renommiertesten deutschen Ökonomen. Bei seinem Vortrag während der Ringvorlesung diskutierte er, ob sein Fach Wissenschaft oder Ideologie ist – und ging dabei hart mit einigen Ökonomen ins Gericht. Seine wichtigsten Positionen im Interview.

Herr Hellwig, die ZEIT nannte Sie kürzlich den Bullshit-Detektor der Volkswirtschaftslehre. Was läuft falsch in den Wirtschaftswissenschaften?

Hellwig: Bullshit-Detektor würde ich nicht unbedingt sagen (lacht)… Richtig ist: Argumente über ökonomische Zusammenhänge sind oft zu oberflächlich. Viele, Ökonomen und Nicht-Ökonomen, machen oft scheinbar plausible Aussagen, die jedoch falsch sind, weil nicht genug auf die Systemzusammenhänge geachtet wurde bzw. wichtige Aspekte ausgeblendet wurden. Man argumentiert linear, A beeinflusst B, und B beeinflusst C, und dann übersieht man, dass C wiederum A beeinflusst. Und aus dem Zusammenspiel von A, B und C kann sich etwas ganz anderes ergeben, als wenn man nur die Wirkungen von A auf B und von B auf C betrachtet. Diese Art von Systemanalyse ist schwierig, wir denken lieber in einfachen Kausalitätsbeziehungen.

Wenn Ökonomen Politiker beraten, denken sie also oft zu einfach und übersehen Zusammenhänge?

Hellwig: Nicht nur die Ökonomen. Alle finden es bequemer und effektiver, einfach und schnell zu argumentieren als kompliziert und langsam. Die Abnehmer haben auch nicht endlos Zeit und Geduld für komplexe Zusammenhänge. Den Ökonomen speziell ist vorzuwerfen, dass sie oft mit Pauschalaussagen arbeiten, etwa zu Staatsschulden oder zur Arbeitslosigkeit. Die Ökonomie ist aber keine Naturwissenschaft. Modelle sind keine Theorien, sondern Sprachspiele, die uns die Möglichkeit geben, vernünftig über Zusammenhänge nachzudenken. In einem konkreten Fall muss jedesmal aufs Neue geprüft werden, welches Modell oder welche Modelle hier gerade passen. Dazu muss man sich ansehen, was man an Information über den Fall hat, inwiefern die Daten die Relevanz des einen Modells bestätigen und das andere verwerfen. Keynes sagte einmal, Ökonomie sei nicht nur eine Wissenschaft, sondern auch eine Kunst, Wissenschaft in der Entwicklung von Theorie und Kunst in der Entscheidung, was von der Theorie in einer gegebenen Situation von Bedeutung ist und welche Politikempfehlung daraus folgt. Für letzteres haben wir leider keine guten Verfahren. Teilweise fehlt es sogar am Bewusstsein, dass das überhaupt ein Problem ist.

Das heißt, wir müssen die Modelle, die es gibt, bloß richtig anwenden? 

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Den ganzen Vortrag von Martin Hellwig im Video

Hellwig: Genau das. Dabei bereitet die Auswahl, welches Modell jetzt gerade passt, die Hauptschwierigkeit. Allerdings kann man selbst mit den einfachsten orthodoxen Modellen schon ziemlich weit kommen. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen aus meiner Zeit in der Monopolkommission: 2002 hatte der Stromkonzern E.ON eine Ministererlaubnis zur Übernahme von Ruhrgas, dem größten Gasversorger beantragt. Alle Stellungnahmen dazu, auch die der Monopolkommission sagten, die Übernahme werde wettbewerbspolitisch erst zehn Jahre später zu einem Problem werden, denn damals, 2002, machte Gas nur 10 Prozent der Stromerzeugung aus. Für die Zeit ab 2010-15 erwartete man einen höheren Anteil. Der Minister erlaubte die Übernahme u.a. mit dem Argument, zehn Jahre sei zu weit dahin, als dass man das berücksichtigen könne. Die Analysen enthielten jedoch einen Fehler, und die Wettbewerbswirkungen der Übernahme waren schon 2005 zu spüren, als Gaspreise und Strompreise drastisch anstiegen. Für den Minister, der mit dem Zusammenschluss einen deutschen „Champion“ kreieren wollte, hätte es keinen Unterschied gemacht, aber es ist trotzdem ärgerlich, dass wir es damals versäumt haben, orthodoxe Mikroökonomie richtig einzusetzen.


Ein Einschub für alle Interessierten, die ihr Grundlagenwissen testen wollen: Hellwig argumentiert in seinem Paper „Neoliberales Sektierertum oder Wissenschaft? Zum Verhältnis von Grundlagenforschung und Politikanwendung in der Ökonomie“ mit grundlegender Mikroökonomik, warum er die damalige Einschätzung für falsch hält.

Was war an der damaligen Analyse falsch? Hier die Antwort: Die Aussage, die Kontrolle über Gas sei für die Wettbewerbsverhältnisse nicht wichtig, weil Gas nur für 10% der Stromerzeugung aufkomme, läuft letztlich auf eine Art Durchschnittskostenargument hinaus. Danach hängen Wettbewerbsverhältnisse und Preise von irgendeinem Durchschnitt über die verschiedenen Energieträger ab. Schon im volkswirtschaftlichen Grundstudium lernt man aber, dass es auf die Grenzkosten ankommt, die Kosten der Produktion der letzten am Markt gehandelten Einheit. Eine genauere Befassung mit der Stromwirtschaft hätte gezeigt, dass die Grenzkosten der Stromerzeugung aus verschiedenen Primärenergiequellen sehr verschieden sind und dass die verschiedenen Kraftwerkstypen unterschiedlich eingesetzt werden. Konkret: Grundlastkraftwerke (Wasser, Nuklear) haben relativ niedrige Grenzkosten und werden dauernd eingesetzt, Kohle- und Gaskraftwerke haben relativ hohe Grenzkosten und werden zu Spitzenlastzeiten, z. B. gegen 12 Uhr mittags, eingesetzt. Zu Spitzenlastzeiten wird richtig Geld verdient, und zu dieser Zeit ist das für die Preisbildung maßgebliche (Grenz-)Kraftwerk ein Gaskraftwerk. Die Fusion von E.ON und Ruhrgas war also gleich unmittelbar für die Wettbewerbsverhältnisse in den Strommärkten von Bedeutung, nicht erst ab 2010.


…und so kommen zu den Fehlern von Ökonomen auch noch die Fehleinschätzungen von Politikern.

Hellwig: Die meisten Politiker verwenden nur die Aussagen der Berater, die ihnen in den Kram passen. Nehmen wir ein Ereignis der vergangenen Wochen: Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, kritisierte die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse. Finanzminister Schäuble wies die Verantwortung von sich – auf den Exportüberschuss habe er keinen Einfluss. Die deutschen Unternehmen seien einfach besonders effizient, man profitiere vom gemeinsamen Wechselkurs im Euroraum und die EZB werte den Euro weiter ab, was die Exporte begünstige. Der Hinweis auf die Effizienz deutscher Unternehmen ist in diesem Zusammenhang deplaziert, denn es geht nicht um mikroökonomische, sondern um makroökonomische Zusammenhänge. Da gilt: Leistungsbilanzüberschuss = Überschuss der Ersparnisse über die Invetsitionen im privaten Sektor plus Haushaltsüberschuss des Staats. Wir sparen sehr viel, nicht nur die privaten Haushalte, sondern auch die Unternehmen, und die Politik der schwarzen Null verhindert, dass der Sparüberschuss im Inland angelegt wird. Dafür ist Herr Schäuble sehr wohl verantwortlich, aber darüber möchte er nicht reden.

Die Wirtschaftswissenschaften sind also reichlich komplex und nicht jeder weiß sie richtig anzuwenden. Welche Gründe gibt es noch dafür, dass Zusammenhänge gerne übersehen werden?

DSC_0079Hellwig: Das liegt auch an der Kanalisierung von Analyse und Diskussion durch Sprachregelungen, in Entscheidungsgremien, Medien und Öffentlichkeit. Dazu ein Beispiel: Anfang der 1990er Jahre konnte man von internationalen Investoren und Beratern hören, die lateinamerikanische Schuldenkrise der 1980er Jahre habe daran gelegen, dass die Kredite von Banken gekommen seien. Banken seien intransparent und korrupt, die Probleme könnten vermieden werden, wenn die Kapitalströme nach Lateinamerika in Form von Direktinvestitionen oder Börseninvestitionen vorgenommen würden. Der Hinweis darauf, dass die Direktinvestitionen und Börseninvestitionen der 1890er Jahre in Mexiko noch viel schlechter abgeschnitten hatten als die Bankkredite der 1970er Jahre, galt in diesem Kontext als politisch unkorrekt, für alte Geschichte interessiere man sich nicht. Wenn ein Kollektiv bestimmte Sprachregelungen hat, kann ein Abweichler sich kaum Gehör verschaffen.

Sie haben einmal geschrieben, Ökonomie würde in Deutschland als eine Art neoliberale Sekte betrachtet und kämen in der öffentlichen Wahrnehmung gleich nach Scientology. Ein Fünkchen Wahrheit ist an den meisten Vorwürfen dran. Wo müssen sich die Ökonomen an die eigene Nase fassen?

Hellwig: Die Anti-Reaktion vieler Deutscher gegen Wirtschaftswissenschaft hat teilweise mit den Sonderwegen der deutschen Geschichte zu tun, einer Ablehnung der englischen Wirtschaftswissenschaft und des englischen Liberalismus im 19. Jahrhundert, die alsbald in die Sprachlosigkeit gegenüber der „planerischen“ Politik des Nationalsozialismus führte. Gleichzeitig ist anzumerken, dass viele öffentliche Äußerungen von Ökonomen starke ideologische Elemente enthalten. Dass z.B. etliche Ökonomen regelmäßig Steuersenkungen fordern und die Erosion der staatlichen Infrastruktur übersehen, ist auch ideologisch bedingt. Da wirkt sich die auf Hayek zurückgehende Verteufelung des Staates aus. Dass Wirtschaft und Gesellschaft Schulen, Polizei und Justiz brauchen, wird gerne übersehen. Dass keine LKWs mehr über die Leverkusener Autobahnbrücke fahren können, ist da ein Menetekel. Ich halte es auch für problematisch, dass „Effizienz“ immer wieder verabsolutiert wird. Effizienzsteigernde Maßnahmen haben de facto immer auch Verteilungswirkungen. Das ist nicht unbedingt ein Grund, solche Maßnahmen zu unterlassen, aber man sollte ehrlich sein und nicht so tun, als wäre das verteilungsneutral, denn die Gewinner der Maßnahmen könnten die Verlierer ja kompensieren. Diese Art von Kompensation gibt es in der Realität nicht, insofern sollte man sagen, dass man z.B. ein Kartellverbot auch deshalb befürwortet, weil man es nicht für akzeptabel hält, dass Produzenten ihre Einkommen erhöhen, indem sie den Wettbewerb ausschalten.

Etliche Studenten kritisieren die Lehre als zu einseitig – zu Recht?

DSC_0083Hellwig: Die Frage ist, was Sie mit „einseitig“ meinen. Meinen Sie „ideologisch“, in dem Sinn, dass allzu viele Werturteile in die Lehre eingehen? Oder meinen Sie „auf ein bestimmtes Modell der Wirtschaft festgelegt“? Ersteres hängt von den Personen ab, da kenne ich solche, die „ideologisch“ lehren, und solche, die den Studierenden Raum geben, zwischen Werturteilen und Analyse zu trennen. Unter den großen Ökonomen der vergangenen Jahrzehnte sind sehr viele, die z.B. gegenüber der Marktwirtschaft skeptisch eingestellt sind und in ihren Forschungen auch die Grenzen für das aufgezeigt haben, was Märkte leisten können. Eines haben allerdings alle gemeinsam: Sie denken in Systemzusammenhängen und lassen sich nur dann auf einfache Kausalitätsketten ein, wenn das als gerechtfertigt erscheint. Wie man die Systemzusammenhänge konstruiert, auch in Nicht-Markt-Institutionen, ist dabei weitgehend offen. Die kritische Frage ist dann ohnehin, welche theoretischen Analysen zum Verständnis eines spezifischen Vorgangs in der Realität taugen.

Hellwig verlässt bald das Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn, das er seit 2004 geleitet hat, und geht in den wohlverdienten Ruhestand.  

Hier findet Ihr den kompletten Vortrag als Video.

In den kommenden Wochen warten weitere spannende und kritische Redner auf Euch. Einen Überblick über alle weiteren Veranstaltungen der Ringvorlesung findet ihr in unserem Programm.

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