Ein bisschen mehr grundlegende Realität, bitte.

Von Lara Marie Müller

Haben Ökonomen eine gesellschaftliche Verantwortung? Wenn ja, wie sollten sie diese wahrnehmen?

„Ich wollte die Welt verbessern. Ich dachte: Am Besten kann man das mit der VWL.“ Das sagt Christian Kastrop. Der Mann mit den grauen Locken und wachem Blick lächelt ein wenig wehmütig. Er hat eine Karriere als Politikberater hingelegt. Heute arbeitet er als wirtschaftlicher Berater bei der OECD. Ob er da die Welt besser macht? Sein Blick legt nahe, dass er sich nicht so sicher ist. Er sitzt auf dem Podium bei der letzten Veranstaltung der Ringvorlesung. Heute geht es um keine spezifische Wirtschaftstheorie sondern um die Frage, was VWLer generell erreichen können und sollten. Neben Kastrop sitzen Felix Bierbrauer – Prof an der Uni Köln -, Philipp Markus – Student an der Uni Köln – und Lukas Beckmann – Mitgründer der Partei die Grünen – auf dem Podium.

Wir wünschen uns eine Lehre, die sich stärker mit realen Problemen beschäftigt

DSC_0418bEin sehr häufig geäußerter Kritikpunkt von Studenten ist die gefühlte Realitätsferne der VWL-Lehre. Wir haben den Eindruck, andauernd vollkommen unrealistische Modelle auszurechnen. Mit deren Hilfe sprechen wir bestenfalls am Ende eine Empfehlung aus, die nur für eine Welt gilt, die mit der Realität herzlich wenig zu tun hat.  Was soll das bringen? Sollten wir nicht zumindest sehr viel darüber reden, wann es etwas bringen kann?

Kastrop findet, dass man das sollte. Er wendet VWL sehr praktisch in seinem Berufsalltag an. Er erzählt einige Geschichten aus seiner Laufbahn. Dabei sind viele Geschichten des Scheiterns und der falschen Analyse. „Meine größte Falschaussage in der Politikberatung war: Macht euch nicht so viele Sorgen um Griechenland“, sagt Kastrop und lacht. Er habe damals gedacht, dass die griechische Wirtschaft so klein sei, dass das Land keinen nennenswerten Einfluss in der Euro-Krise haben könne.

Kastrops Geschichten aus der Politikberatung sind für mich eine Konfrontation mit der Realität der Ökonomie, wie sie mir im Hörsaal bislang noch nicht begegnet ist. Sie zeigen, wo VWL etwas leisten kann und wo sie an ihre Grenzen stößt. „Natürlich ist die VWL in ihren Vorhersagen sehr fehlbar“, bestätigt auch Professor Bierbrauer. Die Aussagen, die wir mit ihr treffen, seien nur logischer und in einem abgesteckten Rahmen durchdacht. „So geben wir bestenfalls bessere Handlungsempfehlungen.“

Student Markus runzelt die Stirn. „Immer nur Modelle zu rechnen demotiviert viele Kommilitonen“, sagt er. Sollte in der Lehre nicht auch Platz sein, um mit anderen Herangehensweisen Aussagen zu treffen, die besser sind als vollkommen willkürlich? Der Kern der volkswirtschaftlichen Lehre sind nämlich die Effizienzanalyse und deskriptive Modelle. „Ich habe im Laufe meines Studiums zum Beispiel angefangen, mir viel grundlegendere Fragen zu stellen“, sagt Markus. „Zum Beispiel: Wie wollen wir eigentlich wirtschaften?“ Das Publikum klatscht nach dieser Aussage. Markus spricht etwas an, das viele Wirtschaftsstudenten stört.

Wir wünschen uns, dass viele Dinge grundlegender diskutiert werden.

In einer mikroökonomischen Vorlesung rechnet man zum Beispiel relativ aufwendig aus, welche Kombination aus Konsumgütern intertemporal – also über einen längeren Zeitraum hinweg – optimal bei einem gegebenen Einkommen ist. Wir wollen uns aber auch fragen, warum wir überhaupt konsumieren. Wir wollen darüber diskutieren, was Präferenzen und Nutzen beeinflusst und woher diese Konzepte überhaupt kommen. Wir wollen uns fragen, welche Formen des Wirtschaftens es grundsätzlich geben kann und welche Ziele dahinter stehen sollten. Wir sind in der Regel keine Marxisten, aber wir wundern uns, warum man den Namen Marx an deutschen Hochschulen maximal in einer Politikvorlesung hört.

DSC_0413b„Als jemand, der in der Grundlagenforschung unterwegs ist, bin ich sehr oft auf einer sehr grundlegenden Ebene mit Fragen der Wirtschaftspolitik beschäftigt“, sagt Professor Bierbrauer und erklärt einige Beispiele aus seiner Forschung. Danach sagt er aber auch: „In der Lehre ist dafür natürlich nicht viel Platz.“ Schließlich ist er oft jahrelang mit einer einzigen, kleinteiligen Fragestellung beschäftigt. Grundsätzlich verstehe er aber nicht, wieso Studenten immer forderten zum einen realitätsnähere und gleichzeitig grundlegendere Fragestellungen in den Vorlesungen zu behandeln. „Das ist doch in sich widersprüchlich.“

Und wenn man in den Strukturen der ökonomischen Forschung denkt, hat er absolut recht. Entweder man redet zum Beispiel über grundlegende Annahmen in Modellen und deren Sinnhaftigkeit. Das wäre zum Beispiel die Frage, in welchen Modellen konstante Skalenerträge tatsächlich Sinn ergeben. Oder man redet über aktuelle Fragen wie Ursachen der Weltwirtschaftskrise. Wenn man darauf eine Antwort finden will, muss man aber ganz viele (teils unrealistische) Annahmen treffen, um überhaupt zu einem Ergebnis zu kommen. Das ist das grundsätzliche Dilemma der Wissenschaft: Die Realität ist zu komplex um sie abzubilden. Daher überlegen wir uns Schemata und Modelle, um sie darzustellen und zu analysieren. Diese sind dann logischerweise fehlbar, da sie nur einen Teil der Realität zeigen.

Und das wissen wir Studenten, wenn wir Alternativen fordern. Natürlich sind Wirtschaftssysteme nicht grundlegend und einfach, sondern enorm komplex. Und natürlich kann man aktuelle, reale Fragestellungen nicht einfach beantworten. Aber die Schlussfolgerung daraus kann doch nicht die Reduktion auf eine bestimmte Art von Modellen und Denkschulen sein.

Interessant war Beckmanns (der Grünen-Gründer, der keine Wirtschaftswissenschaften studiert hat) Reaktion auf Bierbrauers (der Professor) Problem. „Ist doch ganz klar“, sagt er. „Beides sind Forderungen, die VWL näher an die Realität des einzelnen Menschen zu bringen.“ Menschen beschäftigten sich viel mit grundsätzlichen Fragestellungen und gleichzeitig mit tagesaktuellen Problemen. Das ist eine Verbindung unserer Forderungen, auf die jemand aus dem ökonomischen Umfeld wohl nicht so schnell gekommen wäre. Für mich zeigt es, welch anderen Blick ein interdisziplinärer Austausch bringen kann.

Für mich haben Ökonomen auf jeden Fall eine gesellschaftliche Verantwortung. Schließlich treffen sie Aussagen und Vorhersagen darüber, wie sich einer der wichtigsten Teile des alltäglichen Lebens gestalten sollte. Auch deswegen ist es wichtig, dass sie so viele unterschiedliche Ansätze wie möglich heran ziehen, um ihre Fragen zu beantworten.

Es hat Spaß gemacht, anhand der Ringvorlesung solche, für die VWL-Lehre ungewöhnliche, Perspektiven einzunehmen und Ideen für alternative Herangehensweisen zu sammeln. Vielleicht fühlt sich ja der eine oder andere Prof inspiriert grundlegender zu erklären und mehr aktuelle Beispiele heran zu ziehen. Wir freuen uns über jede Entwicklung in diese Richtungen. Es muss ja nicht immer alles gleichzeitig sein 😉

Anmerkung: Dies ist die Meinung der Autorin und nicht notwendigerweise die Meinung des ganzen Orga-Teams.

Hier könnt ihr die Videoaufzeichnung der Podiumsdiskussion anschauen.

Hier eine Übersicht zu den in der Ringvorlesung behandelten Themen zum nachschauen und nachlesen:

1 – Auswege aus der geistigen Monokultur der Ökonomie
Video-Aufzeichnung der Vorlesung von Silja Graupe
Blog-Beitrag: Bastelt da wer an meinem Weltbild? 

2 – Was kann orthodoxe Wirtschaftstheorie leisten?
Video-Aufzeichnung der Vorlesung von Martin Hellwig
Blog-Beitrag: Manchmal ist Ökonomie Kunst

3 – Ethik der Wirtschaftswissenschaften
Video-Aufzeichnung der Vorlesung von Ulrich Tielemann
Blog-Beitrag: Der Homo Oeconomicus, ein ganz schön unsympathischer Typ

4 – Marxismus
Video-Aufzeichnung der Vorlesung von Mesut Bayraktar
Blog-Beitrag: „Der Kapitalismus delegitimiert sich selbst“

5 – Österreichische Schule 
Video-Aufzeichnung der Vorlesung von Theresa Steffestun
Blog-Beitrag: „Die Peripherie der Peripherie“

6 – Kritische Institutionenökonomik
Video-Aufzeichnung der Vorlesung von Carsten Hermann-Pillath
Blog-Beitrag: Warum die Wirtschaftswissenschaften selbstbewusster werden sollten

7 – Finanzkrise und Monetarismus
Folien zu der Vorlesung von Michael Krause
Blog-Beitrag: Wagt den Blick in die Geschichtsbücher!

8 – Ordoliberalismus
Folien der Vorlesung von Max Bank
Blog-Beitrag: „Die Lehre vielseitiger gemacht“

9 – Dekarbonisierung und Umwelt
Video-Aufzeichnung der Vorlesung von Uwe Schneidewind Blog-Beitrag: Der Klimawandel ist eine ökonomische Frage

10 – Möglichkeiten und Grenzen der Wohlstandsmessung
Folien der Vorlesung von Hans Diefenbacher
Blog-Beitrag: Steigt das BIP, obwohl es uns nicht besser geht?

11 – Postwachstumsökonomik
Videoaufzeichnung der Vorlesung von Niko Paech
Blog-Beitrag: Wie wir unser Gewissen rein kaufen

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Autor: Lara Marie Müller

Wirtschaftsjournalismus an der Kölner Journalistenschule, VWL an der Uni zu Köln. Fasziniert von fremden Kulturen, Philosophie und Abenteuern. Treibt sich auf Facebook, Twitter & Co als @laramariemu herum.

3 Kommentare zu „Ein bisschen mehr grundlegende Realität, bitte.“

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