Bastelt da wer an meinem Weltbild?

Von Lara Marie Müller

Studenten, die eine volkswirtschaftliche Vorlesung besucht haben, könnten von ihr unterbewusst beeinflusst werden. In weit verbreiteten Lehrbüchern befinden sich Inhalte, die das Weltbild ihrer Leser unbemerkt verändern können.

Pizza oder Salat zum Mittagessen? Gebe ich dem Bettler vor dem Supermarkt ein paar Euro ab? Welche Partei soll ich wählen? Das Leben stellt uns am laufenden Band vor kleine und große Entscheidungen. Warum wir aber gerade so entscheiden, wie wir entscheiden, können wir bei der Vielzahl an Möglichkeiten nur selten hinterfragen. „80 bis 95 Prozent unseres Denk- und Entscheidungsprozesses laufen im Unbewussten ab“, betont die Ökonomin und Philosophin Silja Graupe. Sie ist an die Uni Köln gekommen, um die Studenten aber zu genau dazu anzuregen: Sie sollen hinterfragen, welche Werte und welches Weltbild ihren Entscheidungen zu Grunde liegen.

Graupe ist das wichtig, weil sie mit ihren Kollegen an der Cusanus Hochschule erschreckende Forschungsergebnisse erzielt hat. In der volkswirtschaftlichen Lehre sind einige Standardwerke weit verbreitet und werden fast auf der ganzen Welt als Grundlage für Einführungsvorlesungen verwendet. Graupe und ihr Team haben ein paar dieser Bücher analysiert und Passagen gefunden, die Studenten unterbewusst ein bestimmtes Weltbild oder bestimmte Werte näherbringen.

DSC_0017Die Forscher haben sich an Erkenntnissen aus dem Marketing und der Propaganda-Forschung orientiert. „In den vergangen 80 Jahren ist auf dem Gebiet ganz viel passiert“, sagt Graupe. „Man weiß heute ziemlich gut, wie man das Unterbewusstsein anspricht und in eine gewollte Richtung bewegt.“ Nach dieser Art von Beeinflussung, die zum Beispiel in der Werbung aktiv umgesetzt wird, haben die Forscher dann in den VWL-Lehrbüchern gesucht. Die Ergebnisse ihrer Studie wollen sie bald veröffentlichen.

Beeinflussung durch Verschweigen

In unserer Ringvorlesung präsentiert Graupe vorab schon ein paar Beispiele der Funde, die sie und ihr Team machten. Zum einen sei die sogenannte „Propaganda of Silencing“ in Lehrbüchern nachweisbar. Gemeint ist damit, dass wenn man bestimmte Themen nicht anspricht oder diskutiert, sie irgendwann für unwichtig betrachtet oder gar vergessen werden.

Wirtschaftsstudenten könnten also mit der Erwartung an das Studium herangehen, zu erfahren was genau marxistische Wirtschaftstheorie ist. Wenn dieses Thema aber nie diskutiert oder auch nur erwähnt wird, rückt die Frage irgendwann in den Hintergrund.

Graupe nennt als weitere Form der Beeinflussung das „Metaphorische Mapping“. Es würde zum Beispiel der Markt eigentlich immer als Mechanismus begriffen. Was genau ein Mechanismus ist und wie dieser im Detail funktioniert würde aber nicht definiert. Graupe hat ihr Diplom in Wirtschaftsingenieurwesen gemacht. „Wenn ich diese Passagen mit der Definition von Mechanismen im technischen Sinne im Hinterkopf betrachte, kommen mir die Schlussfolgerungen sehr abenteuerlich vor“, sagt sie.

DSC_0042Noch mehr Hinweise auf eine Beeinflussung fanden die Forscher in Form von „politischem oder ideologischem Framing“. Das kann zum Beispiel stattfinden, wenn ökonomische Begriffe unterschwellig mit wertenden Begriffen gekoppelt werden. So fanden sie zum Beispiel Passagen in denen Markt, Freiheit und Demokratie in einem Zug genannt werden und daraufhin Zentralregierung, Staat und Kommunismus. Auch wenn der Autor die Begriffe nicht explizit einander zuordnet, könnten sie so aufgeschrieben im Unterbewusstsein des Lesers miteinander verknüpft werden.

Jeder fünfte deutsche Student ist betroffen

Dies ist vor allem besorgniserregend, da es sehr viele Studenten betrifft. Denn nicht nur VWL-Studenten bekommen eine Einführung in die Volkswirtschaftslehre. „Zwanzig Prozent aller Studenten in Deutschland absolvieren irgendwann in ihrem Studium mindestens ein Einführungsmodul in die Volkswirtschaftslehre“, sagt Graupe. Das kann zum Beispiel bei Management-Studenten ein Ergänzungsmodul sein oder bei Sozial- und Naturwissenschaftlern im Nebenfach.

Welches Essen man mittags in der Mensa kauft, wird ein VWL-Buch wohl kaum unbewusst beeinflussen. Aber vielleicht verinnerlichen einige Studenten durch die Kopplung von Marktwirtschaft, Freiheit und Demokratie die Idee, dass ein jeder seines Wohlstands Schmied ist und geben dem Bettler vor dem Supermarkt nicht mehr so viel ab. Vielleicht haben sie auch eine veränderte Vorstellung von Wirtschaftspolitik und ändern ihre Wahlentscheidung. Das sind natürlich nur Gedankenspiele. Wie genau sich die Beeinflussung ausgestaltet, kann man konkret nicht sagen. Graupe und ihre Kollegen arbeiten aktuell an einer weiteren Studie, in der sie VWL-Studenten einer qualitativen Befragung unterziehen. Dadurch wollen sie mehr über die Resultate der Beeinflussung heraus finden.

Versucht hier jemand, uns eine Ideologie aufzuzwängen?

Dass eine Beeinflussung stattfindet, halten sie aber für gesichert. Graupe sagt: „Eine Beeinflussung ist offensichtlich.“ Sie betont aber auch: „Das heißt nicht, dass diese absichtlich ist.“ Es wäre vermutlich unmöglich, einen einzelnen Akteur zu benennen, der die Macht und das Interesse hätte, eine gesamte wissenschaftliche Lehre in dem vorliegenden Sinn zu gestalten. „Es kann genauso gut Zufall sein.“ Aus diesem Grund sprechen die Forscher auch von Beeinflussung und nicht von Manipulation.

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Die überarbeitete Präsentation findet ihr hier zum Download.

Was Hoffnung gibt: Die Beeinflussungsinstrumente funktionieren nicht bei jedem. Es ist zum Beispiel bekannt, dass Werbung bei Menschen oft nicht funktioniert, die sich bereits umfassend und kritisch mit dem Produkt auseinandergesetzt haben. Bei diesen Leuten hätten Werbespots oft keinen Einfluss. Laut Graupe kann das bei der ökonomischen Lehre ähnlich laufen. Wer sich kritisch mit seinem Studium auseinander setzt, läuft also eine deutlich geringere Gefahr unbemerkt und ungewollt sein Weltbild verändern zu lassen.
DSC_0059Die Veröffentlichung der Studie, auf die Silja Graupe ihre Aussagen stützt, ist im Mai geplant. Sie war im Rahmen der Ringvorlesung „Polarschmelze, Pluralismus, Polarisierung“ an der Uni Köln und hat mit ihrer Vorlesung die Vortragsreihe eröffnet. Jeder, der sein ökonomischen Wissen gerne kritisch hinterfragen will, ist herzlich zu den nächsten Veranstaltungen eingeladen!

Diese gibt es entweder immer mittwochs von 17:45 bis 19:15 im Hörsaal XXV im WiSo-Gebäude der Uni Köln oder in der Videoaufzeichnung hier auf dem Blog. Das komplette Programm mit den zukünftigen spannenden Veranstaltungen findet ihr hier.

Die überarbeitete Präsentation findet ihr hier zum Download.

Die Videoaufzeichnung der Veranstaltung findet ihr hier. 

Die Videoaufzeichnung zum Vortrag von Frau Graupe wird im Mai nach der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse online sein.

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Autor: Lara Marie Müller

Wirtschaftsjournalismus an der Kölner Journalistenschule, VWL an der Uni zu Köln. Fasziniert von fremden Kulturen, Philosophie und Abenteuern. Treibt sich auf Facebook, Twitter & Co als @laramariemu herum.

6 Kommentare zu „Bastelt da wer an meinem Weltbild?“

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