Wie wir unser Gewissen rein kaufen

Von Lara Marie Müller und Louisa Schmidt

Der Klimawandel wird vermutlich die Zukunft unserer Kinder enorm erschweren. Aber wir unternehmen nichts, sondern tragen weiter zu ihm bei. Unser vermeintlich nachhaltiger Lebensstil reinigt nur unser Gewissen. Ein Bekenntnisprotokoll.

Die Erde erwärmt sich, das ist wissenschaftlich gesichert. Forscher gehen davon aus, dass der Klimawandel zu massiver Migration, Kriegen um Ressourcen und mehr Armut führen wird. Momentan entscheide sich anhand unseres Verhaltens, in welcher Zukunft unsere Kinder leben werden, sagte schon Uwe Schneidewind vor einigen Wochen in unserer Ringvorlesung. Und auch Niko Paech ist der Ansicht: Der Klimawandel ist das drängendste Problem unserer Zeit.

Und: Paech geht einen drastischen Schritt weiter. Er betont, dass neue, grüne Technologien nicht viel bringen. “Es gibt keine nachhaltigen Produkte”, sagt er. “Es gibt nur nachhaltige Lebensstile.”

Damit deckt er einen weit verbreiteten Denkfehler auf. Es will nicht sagen, dass ein veganer Lebensstil oder ein energieschonender Baustil an sich schlecht für das Klima seien. Jedoch würden sie unterm Strich nicht viel bringen. Er zeigt den globalen CO²-Verbrauch im Vergleich zu der Entwicklung des globalen BIP. Das verdeutlicht: Die einzig starke Reduktion in den letzten Jahren wurde nicht durch technologische „grüne“ Innovationen verursacht, sondern durch die Weltwirtschaftskrise. Die Leute konsumierten gezwungenermaßen weniger, dadurch wurden weniger Schadstoffe freigesetzt.

DSC_0367b„Vielen Leuten ist bewusst, dass ihr Lebensstil deutlich über dem CO²-Wert liegt, den ein durchschnittlicher Bürger auf dieser Erde verbrauchen kann“, sagt Paech. Das führe zu einer Art Ablasshandel. Wer fair gehandelte, vermeintlich klimaneutrale Produkte kauft und nach Flügen eine Klima-Pauschale zahlt, fühlt sich nicht mehr so schlecht. Die Leute, die gut über den Klimawandel Bescheid wüssten, seien gleichzeitig jene, die global leben, viel reisen und konsumieren. 

Wollen wir wirklich die Vielflieger sein, die ihr schlechtes Gewissen in Bionade ertränken? Eigentlich nicht. „Viele Menschen, die ich kenne, kratzen von dem Kronkorken einer Bionadeflasche noch die Plastikbeschichtung ab, um eine saubere Mülltrennung zu erlauben, um dann vielleicht im nächsten Moment ins Auto zu steigen oder ein Flugticket zu lösen“, sagt Paech und lacht. Dabei sei Mobilität rational betrachtet das größte Nachhaltigkeitsproblem. Wie nachhaltig ein Mensch lebt, hänge am Ende vor allem davon ab, wie häufig er um die Erde fliegt.

Wir brauchen also mehr Rationalität in unserem nachhaltigen Verhalten.

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Hier findet ihr die Folien des Vortrags zum Download.

Im Prinzip ist die Rechnung ganz einfach: Wenn wir das Ziel von aus dem Pariser Abkommen erreichen wollen, stehen jedem Bürger pro Jahr 2,5 Tonnen CO² zur Verfügung, die er wie auch immer verbrauchen kann. Der aktuelle deutsche Durchschnitt liegt bei 11 Tonnen.

Während wir beide  in der Ringvorlesung sitzen, haben wir keine Ahnung, wie viele Tonnen CO² wir im letzten Jahr verbraucht haben. Wir hören Paech aufmerksam zu. Manchmal nicken wir zustimmend, ab und zu schauen wir beschämt zu Boden. Wir haben beide Auslandssemester gemacht, sind in den letzten Jahren mehrfach in Überseeflugzeuge gestiegen. Dafür haben wir an Baumpflanz-Initativen gespendet und achten relativ stark darauf, wenig oder gar kein Fleisch zu essen. In Geschäften lehnen wir Plastiktüten vehement ab und packen unsere Einkäufe in Rucksäcke und Jutebeutel. Wir fahren kein Auto, sondern Fahrrad. Wirklich einen Überblick, wie viel das Fahrradfahren, die Second-Hand-Mode, der Vertrag mit dem Ökostrom-Anbieter und das Vermeiden von innerdeutschen Flugreisen bringen, haben wir nicht. Laut Paech ist dieses Verhalten weit verbreitet, aber ganz schöner Quatsch.

Denn wir machen Ausnahmen, wenn es zu unbequem wird. Zum Beispiel letztens, als wir an einen abgelegenen Bauernhof wollten, der mit der Bahn schlecht erreichbar war. Da sind wir dann doch Auto gefahren. Oder während der China-Reise, als es fast unmöglich war vegetarisches Essen zu bekommen. Paech hätte wohl die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als wir uns während des 11-Stunden-Flugs geärgert haben, dass es nur Hähnchen gab. Wir denken uns: „Besser weiterhin möglichst klimaneutral leben, als wegen einiger Schwierigkeiten das ganze Konzept über den Haufen werfen.“ Dieses klimaneutrale Leben ist wegen unserer Flugreisen aber sowieso eine Sache der Unmöglichkeit.

Somit ist diese Vorlesung ist auch eine Auseinandersetzung mit der Kohärenz unseres Verhaltens. 

In seinem Vortrag ist Paech oft polemisch, regt so aber zum Nachdenken an. In dieser kleinen Zitatsammlung – Paech in a Nutshell – haben wir die Ringvorlesung auf leicht konsumierbare und zeiteffiziente (schließlich vergessen wir laut Paech oft, dass Zeit eines unserer knappsten Güter ist) 82 Sekunden herunter gebrochen. Seine Aussagen sind so noch ein bisschen pointierter. Auch die gesamte Videoaufzeichnung seiner Vorlesung ist sehenswert! 🙂 

 

Nach Paechs Vortrag dachten wir uns zuerst: All unsere Anstrengungen sind sinnlos, wenn es doch nur darum geht, nicht mehr zu fliegen. Und tatsächlich: Den persönlichen CO2-Fußabdruck (hier der durchschnittliche CO2-Fußabdruck eines Deutschen) versaut ein Wochenend-Trip von Köln nach New York City gehörig. Mit über 5,5 Tonnen CO2-Äquivalenten verschmutzt der die Atmosphäre. Wir werden unseren nun auf jeden Fall mal berechnen und unseren Urlaub damit im Hinterkopf planen.

Dennoch glauben wir: Am Fußabdruck eines Durchschnitt-Weltbürgers macht das Fliegen nur einen kleinen Teil aus. Damit ist es einer unter etlichen Klimakillern. Die Erde ist also auch dann noch lange nicht gerettet, wenn von heute auf morgen nie mehr auch nur ein einziger Flieger abhebt.

Es wäre deshalb auch ein Trugschluss, Mülltrennung als nichtig, Ökostrom als sinnlos oder Bio als reines Greenwashing abzutun – allein schon deshalb, weile es neben dem Klimaschutz andere gute Gründe gibt, Bio einzukaufen oder etwa gebrauchte Kleidung zu tragen.

Um am Ende die 2,5 Tonnen zu erreichen, ist jeder Schritt wichtig: Eine kleine Wohnung, die nicht viel geheizt werden muss, vegetarisch essen, aufs Fahrrad statt ins Auto steigen. In einem neuen Paper lassen sich zwei Wissenschaftler sogar zu der Empfehlung hinreißen, als effektivste persönliche Maßnahme gegen die Erderwärmung ein Kind weniger in die Welt zu setzen (bei uns sind noch keine in Planung 😉 ).

Hört man auf Paech, reicht all das nicht. Es gehe am Ende nur, wenn die Wirtschaft schrumpft. Genügsam leben, Dinge teilen und reparieren statt neu kaufen und oder gleich selbst herstellen. Doch ein konkretes Konzept, wie sich so etwas umsetzen ließe, liefert Paech nicht. Wie können wir uns selbst, unsere Nachbarn und energieintensive Konzerne in einer globalisierten Welt davon überzeugen, auf einmal total genügsam unterwegs zu sein? Wie soll interkultureller Austausch funktionieren und wie können dennoch Innovationen entstehen? Bei diesen Fragen bleibt Paech leider ziemlich unkonkret. Wahrscheinlich tut er das, weil es keine einfache Antwort darauf gibt. Nichts tun ist keine Lösung. Aber auch Paechs Wunschwelt, beflügelt durch Urban Gardening-Aktivisten und Repair Café-Revolutionäre, bleibt wohl erstmal eine Utopie.

Hier findet ihr die Folien des Vortrags zum Download.

Die Videoaufzeichnung des Vortrags gibt es hier bei youtube.

Hier könnt ihr die Videoaufzeichnung auf den Servern der Uni Köln anschauen und das Layout selbst bestimmen.

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1 Kommentar zu „Wie wir unser Gewissen rein kaufen“

  1. Ich finde die Darstellung sehr kritisch und differenziert. “Bringt ja eh’ alles nichts” ist wirklich kein Ansatz, denn es wird zu Beginn keine perfekte Lösung geben. Deswegen mus man klein anfangen. Und wenn jeder auf Plastiktüten verzichtet, ist die Natur zwar nicht gerettet, aber der Stein wurde ins Rollen gebracht.

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