Das BIP diskriminiert mich *heul*

Von Lara Marie Müller

Ja, ok, ich geb’s zu: Die Aussage in der Überschrift ist zugespitzt. Das BIP – also das Bruttoinlandsprodukt – kann niemanden diskriminieren, auch mich nicht, denn es ist bloß eine Zahl. Es misst die Produktivität eines Landes. Aber es wird als Indikator für die Entwicklung eines Landes verwendet. Und das ist sehr wohl diskriminierend. Und zwar nicht nur für mich.

Das BIP wird sehr oft herangezogen, um den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands zu belegen. Genauso beliebt ist es im Vergleich der Wirtschaftsstärke verschiedener Länder. Dabei misst es nur gewisse Dinge und lässt andere, die auch Einfluss auf die Wirtschaft haben, komplett außer Acht. In der letzten Ringvorlesung hat Hans Diefenbacher erklärt, warum das BIP für die Messung von Wohlfahrt nicht geeignet ist. Er kritisierte es umfassend und zeigte auch: Es ist blind für sehr viele Dinge die mich ausmachen.

Zum Beispiel wird jegliche unbezahlte Arbeit nicht berücksichtigt. Damit sind vor allem Ehrenämter, Nachtbarschaftshilfe, Pflege von Angehörigen oder Hausarbeit gemeint. Einerseits: klar. Wie soll man unbezahlte Arbeit auch in einer Zahl in Geldeinheiten berücksichtigen? Andererseits: Kann die Lösung wirklich Ignoranz sein?

Ich denke an meine eigene unbezahlte Arbeit. Ich stehe öfters früh auf, um Schüler von internationalem Jugendaustausch zu überzeugen. Ich putze mehr schlecht als recht meine Wohnung. Oder ich schreibe Blogeinträge wie diesen hier. Ich zweifle kurz an der Relevanz meines Argumentes.

Dann denke ich an meine Bekannten bei der freiwilligen Feuerwehr, die nachts aufstehen um Brände zu löschen. Dadurch wird wirtschaftlicher Schaden begrenzt. Das geht aber nicht positiv ins BIP ein. Im Gegenteil: Wäre der Schaden größer und ein Haus würde nach einem Brand abgerissen und neugebaut statt nur renoviert, hätte das einen vergleichsweise stärker positiven Effekt im BIP. Schließlich werden Arbeitsplätze für Abriss-, Planungs- und Baufirma geschaffen. Krass. Trotz solch merkwürdiger Effekte ist das BIP DIE Orientierung für Wirtschaftsentwicklung schlechthin.

Ich denke an all die Mütter meiner Freunde und Freundinnen, die Zuhause geblieben sind, um den Vätern den Rücken frei zu halten. So wurde das väterliche Einkommen überhaupt erst möglich. Familienstrukturen funktionieren von Land zu Land unterschiedlich und sind (zum Glück) vielerorts ohnehin im Umschwung. Aber kann man das BIP von Frankreich mit dem von Deutschland vergleichen, wenn prozentual mehr Frauen erwerbstätig sind als hier?

Dann denke ich noch an meinen Großvater, der die gesamte Elektrizität in meinem Elternhaus gelegt hat und an die aufopfernde Pflege meines Großonkels durch meine Oma. Hätten wir einen unpersönlichen Pflegedienst bezahlt, wäre es ins BIP eingeflossen. So hat er vielleicht länger gelebt und es hatte keinen Einfluss.

All diese Arbeit landesweit aggregiert könnte wirtschaftlich sehr relevant sein.

Wenn man sich diese Fragen stellt, muss man sich aber auch fragen: Spiegeln Gehälter grundsätzlich den Wert von Arbeit vernünftig wieder? Ist die Hebamme für die Entwicklung eines Landes tatsächlich so viel unwichtiger als der Sparkassendirektor? Oder wird die Hebamme nur vom BIP diskriminiert?

Nun ist der Zeitpunkt gekommen um ein Geständnis zu machen: Eigentlich wollte ich mich hier nicht über Diskriminierung aufregen. Ich dachte aber, das klickt besser als eine passende Überschrift. (Und wenn du bis hierhin gelesen hast funktioniert die Strategie vielleicht sogar)

Dieser Artikel ist inhaltlich deutlich schwächer als ein anderer, den ich zum Thema geschrieben habe. Aber er bekommt womöglich mehr Aufmerksamkeit. Damit wären die Artikel ein schönes Gleichnis zum BIP: Der Großteil der Aufmerksamkeit richtet sich auf etwas, das eigentlich nicht viel aussagen kann.

Das BIP ist schlichtweg kein guter Wert, um die Wirtschaftsstärke unseres Landes zu beurteilen. Dennoch ist er oft der einzig empirisch belegte makroökonomische Wert, den VWL-Studenten in ihren Einführungsvorlesungen erklärt bekommen. Das ist gefährlich.

Wir ignorieren mit dem BIP die Dinge, die für unsere Zukunft wirklich relevant sind. Klimaschäden wirken sich im BIP nicht zwingend negativ aus, in unserer Zukunft aber sehr wahrscheinlich schon. Verteilungsungleichheiten können dazu führen, dass es Teilen der Bevölkerung wirtschaftlich sehr schlecht geht, das BIP merkt davon nichts.

Natürlich kann eine andere Messgröße keines der von mir angesprochenen Probleme lösen, genauso wenig ist das BIP Ursache davon. Aber es hilft, wegzuschauen.

Und es gibt Alternativen zum BIP. Einige davon hat Diefenbacher vorgestellt. Wir Ökonomen sollten endlich anfangen, sie verstärkt zu nutzen. Wenn man zwischen den Alternativen entscheiden will, muss man sich die grundlegenden Fragen stellen. Was ist Wert für uns? Wie wird er wem im System zugeschrieben? Das BIP kann diese Fragen nicht beantworten. Daher sollten Ökonomen auch anfangen, sich diese grundlegenden  Fragen endlich zu stellen. Um meiner 😛 , um unser, um dieser Welt Willen.

(btw falls sich das mit den Klickzahlen nicht bewahrheitet, freue ich mich sehr 🙂 )

 

„Steigt das BIP, obwohl es uns nicht besser geht?“ – Hier geht es zum sachlichen Bericht über Hans Diefenbachers Vorlesung. Hier findet ihr die Folien seines Vortrages.

In den kommenden Wochen warten noch zwei weitere spannende und kritische Sitzungen auf Euch. Einen Überblick über alle weiteren Veranstaltungen der Ringvorlesung findet ihr in unserem Programm.

 

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Autor: Lara Marie Müller

Wirtschaftsjournalismus an der Kölner Journalistenschule, VWL an der Uni zu Köln. Fasziniert von fremden Kulturen, Philosophie und Abenteuern. Treibt sich auf Facebook, Twitter & Co als @laramariemu herum.

1 Kommentar zu „Das BIP diskriminiert mich *heul*“

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