Steigt das BIP, obwohl es uns nicht besser geht?

Von Lara Marie Müller

Hans Diefenbacher errechnet mit dem Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) eine Alternative zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Obwohl das BIP in den letzten Jahren stieg, blieb der NWI ungefähr gleich. Was ist da los?

„Das Bruttoinlandsprodukt ist als Wohlfahrtsmaß nicht so gut geeignet“, sagt der kleine, grauhaarige und gewitzt aussehende Mann vorne im Hörsaal. Hans Diefenbacher lächelt bescheiden, denn seine Aussage ist viel zu vorsichtig. Der Professor ist an die Uni Köln gekommen, um seinen eigenen Wohlfahrtsindex vorzustellen. Die Argumente, die er gegen das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Wohlfahrtsmaß anbringt, sind ziemlich vernichtend.

Zur Erinnerung: Das Bruttoinlandsprodukt ist eine Größe, die regelmäßig vom Statistischen Bundesamt berechnet wird. Es misst die Produktion von Waren und Dienstleistungen im Inland nach Abzug aller Vorleistungen. Man kann seine Zusammensetzung unterschiedlich aufschlüsseln:

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Soweit, so gut.

Jedoch wird das BIP von Politikern, Journalisten oder auch am Stammtisch oft als Indikator dafür genommen, wie sich ein Land entwickelt. Steigt das BIP, bejubeln wir Deutschland im Aufschwung. Die Grenze zwischen „der Wirtschaft geht es gut“ und „uns geht es gut“ verschwimmt sehr schnell.

Und das BIP erfreut sich auch größter Beliebtheit, weil es als simple Zahl Vergleiche so einfach macht. Wie ging es uns letztes Jahr? Wie vor 10 Jahren? Wie stehen wir da im Vergleich zu den USA oder zu zum Beispiel Somalia?

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Professor Diefenbacher während seines Vortrages in Köln.

Das BIP für solche Aussagen zu benutzen ist laut Diefenbacher ein riesiger Fehler. Es ist lediglich ein Produktionsmaß. „Sehr viele Bereiche, die für Wohlfahrt wichtig sind, fließen nicht ein.“

Zum einen sei es von seinen Gründungsvätern nicht als Wohlfahrtsmaß gedacht gewesen. Es wurde entwickelt, um die ökonomische Wertschöpfung zu messen. Doch sein Erfolg war riesig. „Irgendwann lässt man den Erfolg dann wohl mit sich geschehen“, sagt Diefenbacher und schmunzelt. Heute ist das BIP der Kern der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Und das bringt so einige Probleme mit sich. Für am gravierendsten hält er:

* 1 *

Die Verteilung von Einkommen und von Vermögen fließen nicht mit ein. Ungleichheit ist für das BIP also egal. Ein Land in dem viele Menschen ausreichend haben, aber nicht übermäßig reich sind, kann ein gleich hohes BIP haben wie ein Land, in dem viele Menschen hungern und eine superreiche Elite existiert. Die Wohlfahrt müsste laut Diefenbacher aber im ersten Land höher sein.

* 2 *

Die Naturschätze eines Landes finden keine Berücksichtigung. „Ausklammern von Naturkapital“ nennt Diefenbacher das. Ich kann also theoretisch auf jeder Menge Öl sitzen, das ich nicht fördere oder super fruchtbares Land haben, auf dem ich nichts anbaue, was ich verkaufe und im BIP-Vergleich gleich gut da stehen wie die der Mond. Wenn ich dann etwasVerkaufbares aus meinen Natur-Ressourcen mache, fließt das positiv ins BIP ein. Es gibt keine Abschreibungen auf Naturkapital. „Somit ist das BIP blind für einen gewaltigen Unterschied:  Produziert man in Reichtum von Naturkapital oder geht es langsam zu Ende?“, sagt Diefenbacher. Er empfiehlt, Nauru zu googlen. (Verkürzt gesagt: Das Land sei ein gutes Beispiel, wie man den Einfluss des Endes der Bodenschätze erst durch die Finanzkrise im BIP bemerkte.)

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Hier könnt ihr euch durch die Folien seines Vortrages klicken.

* 3 *

Außerdem schenkt uns die Natur schöne Sachen, die nicht positiv ins BIP einfließen. Zum Beispiel das Lächeln im Gesicht bei einem Regenbogen.

* 4 *

Umweltbelastungen gehen sehr unterschiedlich in das BIP ein. Angenommen, ein Chemieunternehmen leitete bislang giftigen Müll legal in einen Fluss. Zuerst geht der Gewinn des Unternehmens positiv in das BIP ein. Etwas später muss das Unternehmen seine Praxis ändern und baut zum Entgiften des Wassers ein Klärwerk. Das geht wieder positiv in das BIP ein. Die Schäden, die durch die Umweltbelastung (zum Beispiel durch eine niedrigere Lebensqualität der Anwohner am Fluss) entstanden, wurden aber nicht negativ eingerechnet. Andere Umweltschäden haben nur negative Auswirkungen und erscheinen gar nicht im BIP.

* 5 *

Aktivitäten, die nicht auf Märkten gehandelt werden, fließen nicht mit ein. Dabei können diese Aktivitäten einen großenEinfluss auf die Wirtschaft und/oder auf die Wohlfahrt in einem Land haben. Das sind zum Beispiel Hausarbeit, Pflege, Nachbarschaftshilfe und Ehrenämter. Wenn ich zum Beispiel meinen Nachbarn dafür bezahle, meinen Abwasch zu machen und er mich bezahlt, dass ich seinen mache, steigt das BIP. Wenn jeder selbst sein Geschirr wäscht, bleib es gleich.

***

Die Kritik am BIP ist nicht neu. „Es wird seit den 70er Jahren angegriffen“, sagt Diefenbach. Genauso lange gebe es schon Entwicklungen von Alternativen.

Der Hörsaal schaut auf. Nach der Kritik klingt eine gute Alternative zum Messen der Wohlfahrt sehr angebracht. „Die gibt es aber nicht“, sagt Diefenbacher.

„Eine schöne, umfassende und einfache Lösung gibt es nicht“
– Prof. Dr. Hans Diefenbacher

Er ist zwar gekommen, um seine eigene Alternative vorzustellen. Er hält sie aber nicht für den perfekten Ersatz zum BIP. „So einfach ist die Welt nicht“, sagt er. Es gäbe eine Fülle an unterschiedlichen, meist nicht sonderlich bekannten Alternativen.

An seinem Institut berechnet Diefenbacher den Nationalen Wohlfahrtsindex, kurz NWI. Er misst anhand von 20 Komponenten das, was Diefenbacher unter Wohlfahrt versteht. Zu den Komponenten zählt zum Beispiel die Einkommensverteilung oder Kosten durch Luftverschmutzung. Sie werden auf der Homepage zum Index sehr anschaulich erklärt und aufgeschlüsselt.

Vergleicht man Diefenbachers Index mit dem BIP, fällt auf, dass er seit 2005 ungefähr konstant ist, währenddessen das BIP meist stieg. Von 2000 bis 2005 sank der NWI, währenddessen das BIP stieg. „Das liegt an einer starken Veränderung der Einkommensverteilung“, sagt Diefenbacher. In der Weltwirtschaftskrise 2008 erlebte das BIP einen herben Einsturz, währenddessen der NWI sogar stieg. Das hängt größtenteils mit rückläufigen Umweltkosten, zum Beispiel geringerer Luftverschmutzung durch die Energiewende, zusammen. Außerdem verloren die Reichen in der Finanzkrise Geld, was relativ für mehr Gleichheit sorgte. „Wir führen es zudem auf die Krisenpolitik von deutschen Unternehmen und deutscher Politik zurück“, so Diefenbacher. Maßnahmen wie Konjunkturpolitik und Kurzarbeitszeit hätten die Krise derart aufgefangen, dass die Deutschen nicht signifikant weniger konsumierten. Diemeisten hätten die Krise also gar nicht so stark gespürt. Das kann der NWI anzeigen, das BIP ist für solche Reaktionen blind.

„Meiner Meinung nach wurde das BIP für das letzte Jahrhundert kreiert und hat ausgedient.“
– Prof. Dr. Hans Diefenbacher

Neben seinem eigenen Index stellt Diefenbacher andere BIP-Alternativen vor.


Es gibt eine Menge Indikatoren, die neben dem BIP Hinweise zur Entwicklung der Wohlfahrt geben. In den Millennium Development Goals (später zu den Sustainable Development Goals weiterentwickelt) werden mehrere solcher Indikatoren erfasst und in Hauptzielen zusammengefasst. Auch im Wohlstandsquintett oder für die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie werden Dinge, die Wohlfahrt bedingen könnten, beobachtet und erhoben.  Das Hauptproblem dabei ist oft die Quantifizierung. Wie soll man zum Beispiel den Wert von unbezahlter Hausarbeit bestimmen? Ist sie so viel Wert wie der Preis einer Putzhilfe? Oder soviel wie die Person verdient hätte, wenn sie gearbeitet hätte anstatt zuhause zu kochen? Oder einfach so viel wie der Mindestlohn? Die selben Fragen stellen sich bei Umweltproblemen. In solchen Quantifizierungen steckt sehr häufig normative Bewertung. Ein weiteres Problem der Indikatoren ist die Unübersichtlichkeit. Manche entwickeln sich gut, andere schlecht. Sie liefern keine einfache Schlagzeile. Wie soll man da wissen, wie es der Wirtschaft geht?

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Aus diesem Grund gibt es Bestrebungen einige dieser Indikatoren in neuen Indizes zusammenzufassen. Der Human Development Index der Vereinten Nationen ist zum Beispiel relativ weit verbreitet. Er rechnet unter anderem Bildungsjahre und Lebenserwartung einer Bevölkerung mit ein. Er berücksichtigt aber keine Umweltfolgen. Das tut der Happy Planet Index. Die Ungleichheit wird im Inequality Adjeusted HDI mit eingerechnet.  Allein diese Vielfalt zeigt: Man kann nicht alles berücksichtigen. Und wenn man eine einzelne Zahl als Ergebnis haben will, muss man Gewichtungsentscheidungen treffen.


Es gibt auch Berechnungen, die auf Glücksbefragungen beruhen. Dazu gehört zum Beispiel das Cross National Happiness Product, das in Bhutan Anwendung findet. Es misst in einem repräsentativen Umfrageverfahren die Glücklichkeit der Bevölkerung. Ein Problem von Befragungen zur Bewertung der Wohlfahrt ist zum Beispiel eine relativ starke Entkopplung vom Wirtschaftsgeschehen. Umweltverschmutzungen, die zukünftige aber nicht aktuelle Generationen beeinträchtigen, würden zum Beispiel keine Auswirkungen haben. Außerdem machen kulturelle und historische Unterschiede es unmöglich, die Wohlfahrt in Ländern mit einem solchen Maß zu vergleichen.


Den Anspruch, die Rolle des BIPs einzunehmen, kann keiner dieser Indikatoren und Indizes erheben. „Es gibt immer entweder methodische oder interpretatorische Probleme“, so Diefenbach. Aber: „Jeder der Indizes hat in einem passenden Kontext seine Berechtigung“, sagt er auch. Man dürfe nur nicht vergessen, wofür er entwickelt wurde. Dann passiere auch keine falsche Anwendung und Interpretation. Und das ist Hauptproblem des BIPs.

„Wir brauchen eine gesellschaftliche Diskussion. Verstehen wir unter wirtschaftlichem Erfolg lediglich Profit oder nachhaltige und zukunftsgewandte Entwicklung?“
– Prof. Dr. Hans Diefenbacher

Zur Person:
Professor Dr. Hans Diefenbacher ist außerplanmäßiger Professor am Alfred-Weber Institut für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Heidelberg, stellvertretender Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) und ehrenamtlicher Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er forscht unter anderem am NWI, zu Globalisierung und zu lokaler Ökonomie. Hier könnt ihr euch durch die Folien seines Vortrages klicken.

Einen – etwas weniger sachlichen – Kommentar zum Vortrag findet ihr hier.

In den kommenden Wochen warten noch zwei weitere spannende und kritische Sitzungen auf Euch. Einen Überblick über alle weiteren Veranstaltungen der Ringvorlesung findet ihr in unserem Programm.

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Autor: Lara Marie Müller

Wirtschaftsjournalismus an der Kölner Journalistenschule, VWL an der Uni zu Köln. Fasziniert von fremden Kulturen, Philosophie und Abenteuern. Treibt sich auf Facebook, Twitter & Co als @laramariemu herum.

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