„Der Klimawandel ist eine ökonomische Frage“

Uwe Schneidewinds Appell ist deutlich: An unserer Wirtschaft muss sich etwas ändern. Von Ökonomen fordert er, sich stärker einzumischen – wie es die Autoren der Bücher tun, die er vorstellt.

Von Louisa Schmidt und Julian Rodemann

Es ist das Jahr 2100. Dürren, Stürme und Überschwemmungen haben im globalen Süden etliche Millionen Menschen getötet, eine humanitäre Katastrophe folgt auf die nächste. Die Kriegsgräuel des 20. Jahrhunderts? Erscheinen wie ein Pappenstiel. Anders sieht es im Norden aus: Die Industriestaaten stecken den Klimawandel, der Technik sei Dank, ohne größere Probleme weg. Bloß die Grenzen, die haben sie dichtgemacht. Und die Augen zu.

Unsere Urenkel fragen sich: Auf welcher Seite standen Uroma und Uropa damals wohl, als es noch nicht zu spät war? Gehörten sie zu den Ignoranten? Oder zu denen, die gekämpft haben?

21. Juni 2017. Uwe Schneidewinds Stimme überschlägt sich bei dem gewagten Vergleich. Der Ökonom hat sich hinter dem Pult im Hörsaal XXIV in Rage geredet. So, als wolle er die Studierenden an diesem drückend heißen Mittwochabend endlich wachrütteln. Seine Zuhörer applaudieren, so viel Leidenschaft und so aktuelle Fragen sind selten im Hörsaal. Der sonst so analytisch und ruhig wirkende Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie ist sich sicher: Der Klimawandel ist im Kern eine ökonomische Frage – doch die Ökonomen entziehen sich ihrer Verantwortung.

Naomi_Klein_at_Berkeley,_CA
Naomi Klein (Bild: Wikimedia Commons), hier bei einer Veranstaltung in Berkley, bringt es laut Uwe Schneidewind auf den Punkt: Im Klimawandel stecke die soziale Frage. (Schneidewind: „In den knapp vier Milliarden Erdgeschichte ist schon ganz anderes passiert. Das Überleben des Planeten ist nicht die zentrale Herausforderung.“) Ihr Buch „Die Entscheidung – Kapitalismus vs. Klima“ (S. Fischer Verlag) wurde vom deutschen Feuilleton zum Teil in den Himmel gelobt. Der Deutschlandfunk urteilt: „Glänzend im Stil, aufklärerisch in der Sache.“

Seine Diagnose: Es reiche nicht, sich auf die Appelle einer herausragenden Klimaforschung zu verlassen. Er beobachtet, dass auch immer heftigere Drohkulissen – immense Naturkatastrophen, Hungersnöte oder Massenmigration – nicht wirklich zu einem Umdenken in der Bevölkerung führen. Im Gegenteil sehe man, dass bei vielen Menschen die kognitive Dissonanz so unerträglich groß werde, dass sie zum Befreiungsschlag neigen: der Leugnung des Klimawandels.

schneidwind

Was man stattdessen braucht, ist laut Schneidewind eine transformative Wirtschaftswissenschaft. Mehr Forscher sollten ihre Konzepte präsentieren: Wie kann sich unser Wirtschaftsmodell wandeln? Und wie sollten sich Gesellschaften an die Folgen des Klimawandels und an ein neu gedachtes Wirtschaften anpassen?

Es müsse also zum einen aus ökonomischer Perspektive erforscht werden, wie man die Emissionen in der Produktion drastisch reduzieren kann – etwa, wie sich dreckige Technologien wie der Dieselmotor aus dem Verkehr ziehen lassen oder wie der Ausstieg aus der Kohle gelingt. Exnovation nennt der Forscher das. Damit der Wandel auch den nötigen Rückhalt in der Gesellschaft erfährt, müssten Ökonomen über Wege nachdenken, wie Gesellschaften die sozialen und wirtschaftlichen Umbrüche managen – zum Beispiel wie Arbeiter, die dadurch ihren Job verlieren, entschädigt werden können.

Mason
Der britische Journalist Paul Mason (Bild: flickr) hat sich die Frage gestellt, wie die Digitalisierung unser Wirtschaftssystem verändert. In seinem Buch „Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie“ (Suhrkamp) kommt er zu dem Schluss: Der Kapitalismus hat ausgedient. Das Buch verspricht Gegenwartskritik, empirische Analyse (Mason stützt sich auf Pikettys Daten) und philosophische Denkanstöße. Für seine unkonventionelle Kapitalismuskritik erhielt der Autor viel Lob. Der „Guardian“ findet, Mason stelle die „interessantesten Fragen, ohne zu fürchten wohin sie führen“. Doch Masons Grundannahme, der Kapitalismus befinde sich seit 2008 in der Dauerkrise, bleibt gewagt – angesichts von Rekordwerten an der Börse und astronomischen Wachstumsraten in Lateinamerika und Afrika.

Schneidewind macht nicht beim Klimawandel halt. In seinem Vortrag greift er die Denkweise vieler Wirtschaftswissenschaftler scharf an und zeigt Verständnis für jene populistischen Strömungen, die die Wissenschaft und deren Wahrheiten anzweifeln. Wie er zu diesem Gedanken kommt, könnt ihr euch online anschauen. In seinem Vortrag am Mittwochabend hat er vier Thesen zur Notwendigkeit einer transformativen Wirtschaftswissenschaft und drei von ihm diagnostizierte und kritisierte Gläubenssätze vieler Ökonomen präsentiert.

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Erik Brynjolfsson hat keinen leichten Namen, aber ein „leicht zugängliches“ (Washington Post) Buch geschrieben. Zusammen mit seinem Kollegen Andres McAfee vom Massachusettes Institute of Technology (MIT) hat er die Auswirkungen der Digitalen Revolution auf verschiedene Märkte analysiert. Als leicht verständlich gilt das Buch wegen Beispielen wie diesem: Wenn ein guter und ein schlechter Maurer miteinander konkurrieren, dann kann der eine einen höheren Lohn von seinen Kunden verlangen, der andere einen niedrigeren. Beide überleben. Wenn zwei Software-Anbieter von Software um Googles Aufträge konkurrieren, bekommt einer den Zuschlag, der andere geht leer aus. Und stirbt. „The Second Machine Age“ (Plassen Verlag) wird nicht nur in den USA gelesen. Hierzulande erhielt es den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2015. „Besonders beeindruckt hat uns, dass die gesellschaftspolitische Dimension der digitalen Revolution ebenso klar beschrieben ist wie die technische“, hieß es in der Begründung der Jury.

Hier findet ihr die Videoaufzeichnung des Vortrags.

Hier findet ihr die vier Thesen des Vortrags.

In den kommenden Wochen warten weitere spannende und kritische Redner auf Euch. Einen Überblick über alle weiteren Veranstaltungen der Ringvorlesung findet ihr in unserem Programm.

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