Max Bank über Ordoliberalismus: „Die Lehre vielseitiger gemacht“

In einem sehr sachlichen Vortrag stellte Max Bank am vergangenen Mittwoch den Ordoliberalismus vor. Bank arbeitet als Campaigner bei Lobbycontrol, einer NGO, die sich für Transparenz und demokratische Kontrolle von Lobbyisten einsetzt. Im Interview erklärt er, was das genau bedeutet und was er am Ordoliberalismus so spannend findet. 

Seinen Vortrag begann Max Bank mit einem Bilderrätsel: Ludwig Erhard war zu sehen, Walter Eucken und Alfred Müller-Armack – einflussreiche Wissenschaftler und Politiker der 50er und 60er-Jahre also. Sofort war klar, dass der Ordoliberalismus die wirtschaftliche Nachkriegsordnung entscheidend geprägt hat. Laut Max Bank ist der wirtschaftspolitische Einfluss dieser Schule heute „ungebrochen“, wenngleich der öffentliche Diskurs ausgeglichener sei als früher.

Der Ordoliberalismus sieht es als zentrale Aufgabe des Staates an, mithilfe der sogenannten Ordnungspolitik für den Rahmen des freien marktwirtschaftlichen Wettbewerbs zu sorgen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. „Planungen der Formen? Ja! Planung des Wirtschaftsprozesses? Nein!“, so fasste Bank die Definition des Ordoliberalismus von Walter Eucken zusammen.

Im Vortrag (hier die Folien) skizzierte Bank die Entstehungsgeschichte des Ordoliberalismus genauso wie seine Strömungen und seinen Einfluss auf Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Einer klaren eigenen Bewertung enthielt er sich. „Ich sehe meine Rolle diesbezüglich eher als neutraler Wissenschaftler“, sagte Bank im Lauf der anschließenden Diskussion.

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Max Bank begann seinen Vortrag mit einem Bilderrätsel. Bild: Philipp Kloos.

Als Student an der Kölner Wiso-Fakultät hat Bank den Einfluss des Ordoliberalismus auf die ökonomische Lehre selbst mitbekommen. Heute arbeitet er bei Lobbycontrol. Was der Ordoliberalismus mit seiner Arbeit zu tun hat und was ihn an dieser speziell deutschen Schule bis heute interessiert, verrät Max Bank im Interview.

Wie kam es dazu, dass du dich mit dem Ordoliberalismus beschäftigt hast?

Max Bank: Ich habe meine Doktorarbeit über den Ordoliberalismus geschrieben. In einem Forschungsteam haben wir uns mit dem Einfluss der ordoliberalen Schule auf Wirtschaftspolitik, Unternehmen und die Wissenschaft beschäftigt. Gemeinsam forschen, also ganz tief in ein bestimmtes Thema eintauchen, es in der Gruppe zu diskutieren und von verschiedenen Seiten zu beleuchten – das hat mich fasziniert.

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Hier findet ihr die Folien zum Download.

Wieso ausgerechnet der Ordoliberalismus?

Bank: Eine solche Dissertation ist aus meiner Sicht eine echte Chance, sich ausführlich mit grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen. Also zum Beispiel, welche Denkschulen und Ideen unser Zusammenleben geprägt haben und prägen. Der Ordoliberalismus hat Deutschland und Europa in den vergangenen siebzig Jahren enorm beeinflusst.

Wie plural hast du dein Studium damals empfunden?

Bank: Die Lehre, die ich an der Wiso mitbekommen habe, war insgesamt eher einseitig. Allerdings lag das nicht in erster Linie am Ordoliberalismus, sondern vielmehr an der Dominanz unrealistischer neoklassischer Gleichgewichtstheorie. Man muss da differenzieren. Der Ordoliberalismus hat mit seiner weniger mathematisch-theoretischen Herangehensweise vielleicht die Lehre sogar vielseitiger gemacht. Das heißt ja nicht, dass man den wirtschaftspolitischen Positionen der Ordoliberalen zustimmen muss.

Heute arbeitest du bei Lobbycontrol im Bereich Handelspolitik. Was hat dir die Beschäftigung mit dem Ordoliberalismus dafür gebracht?

Bank: Meine Dissertation hat mir vor allem methodisch geholfen und meine Analysefähigkeiten geschult. Das wissenschaftliche Arbeiten, diese Genauigkeit und Beharrlichkeit hilft mir bei Recherchen. Inhaltlich war der Ordoliberalismus natürlich keine verkehrte Wahl, er beeinflusst die Wirtschaftspolitik bis heute. Aber da ich mich bei LobbyControl eher mit Handelspolitik beschäftige, ist dieser direkte Nutzen nicht ganz so groß.

Was genau macht ihr eigentlich bei Lobbycontrol?

Bank: Wir versuchen, Lobbyeinfluss sichtbar zu machen und Machtungleichgewichte beim politischen Einfluss aufzudecken und ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Im Bereich der EU-Handelspolitik etwa sind über 90 Prozent aller Lobbyisten Vertreter von Unternehmen – zivilgesellschaftliche Interessen bleiben außen vor. Das ist ein Skandal.

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Berater mit Einfluss: Der Kölner Professor Alfred Müller-Armack (links) arbeitete in der Grundsatzabteilung des Wirtschaftsministeriums und hatte einen guten Draht zu Kanzler Adenauer (rechts). Bild: Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP)

Wie sieht deine Tätigkeit konkret aus?

Bank: Unsere Arbeit ist eine Mischung aus investigativem Journalismus und politischer Kampagnenarbeit. Unsere Recherchen zu Lobbyismus hinter verschlossenen Türen verbreiten wir über möglichst viele Kanäle und arbeiten mit Bündnispartnern, Medien und politischen Parteien zusammen.

Mit allen Parteien?

Bank: Prinzipiell mit allen im Bundestag vertretenen Parteien, ja. Wobei es leider mit der Union am schwierigsten ist. Sie sperrt sich bislang am meisten gegen mehr Lobbytransparenz.

Du kamst aus der Wissenschaft, jetzt machst du Kampagnenarbeit. War das nicht eine harte Umstellung für dich?

Bank: Ja, natürlich ist das etwas Anderes. Ich musste erstmal meinen Schreibstil komplett umstellen. An der Uni lernt man ja einiges, verständliches Schreiben gehört nicht dazu. Natürlich ist unsere Arbeit verbunden mit Popularisierung. Wer in der Öffentlichkeit gehört werden will, muss zuspitzen. Allerdings gelten wir bei Lobbycontrol als sehr sachorientiert und differenziert. Wir bestechen nicht durch Größe, sondern durch Expertise, also durch unsere Recherchen in ganz bestimmen Politikfeldern.

Bist du am vergangenen Mittwoch mit Wehmut an die Uni zurückgekehrt? Vermisst du deine Zeit als Student und Wissenschaftler manchmal?

Bank: Von Wehmut kann nicht die Rede sein. Ich schätze wissenschaftliche Forschung sehr und freue mich, damit in Berührung zu kommen. Ich pflege auch weiter meine Kontakte in die Wissenschaft. Gleichzeitig bin ich bei LobbyControl genau dort, wo ich sein will – in der direkten politischen Auseinandersetzung um die Zukunft unserer Demokratie.

Das Interview führte Julian Rodemann.

Hier findet ihr die Folien zum Download.

Link zum youtube-Video der Videoaufzeichnung der Veranstaltung

Hier könnt ihr die Videoaufzeichnung auf den Servern der Uni Köln anschauen und das Layout selbst bestimmen.

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