Warum die Wirtschaftswissenschaften selbstbewusster werden sollten

Von Lara Marie Müller

Laut Carsten Hermann-Pillath haben die Wirtschaftswissenschaften einen kaum betrachteten, eigenen Einfluss auf unser Wirtschaftssystem. Er versucht, sie ihrer Wirkung auf sich selbst bewusst zu machen.

Was passiert, wenn man auf einen anderen Kontinent einen Samen einer Pflanze bringt, den es dort nicht gibt? Wenn die Bedingungen stimmen, dann wächst sie. Wenn es sehr gut für die läuft, dann breitet sich aus und kann sogar Einfluss auf das Ökosystem gewinnen. Andere Pflanzen werden möglicherweise verdrängt. Sie entwickelt sie sich über die Jahre hinweg weiter und passt sich optimal an den neuen Kontinent an. Am Ende kann auf dem neuen Kontinent sogar eine Pflanze stehen, die es vorher in der Form nicht gab.

Laut dem Ökonom und Sinologen Carsten Hermann-Pillath gibt es einen ähnlichen Prozess innerhalb der Wirtschaftswissenschaften. Er sagt: Wenn wir unser Wirtschaftssystem beschreiben, müssen wir dabei den Einfluss der Wirtschaftswissenschaften auf die Wirtschaft in die Betrachtung mit einbeziehen. Das macht er durch seine kritische Institutionenökonomik.

Exkurs: Kurzdefinition Institutionenökonomik
Die Institutionenökonomik an sich ist ein wirtschaftswissenschaftlicher Ansatz, der die Wechselwirkungen von Wirtschaft und den Institutionen einer Gesellschaft analysiert. Innerhalb der Forschung auf dem Gebiet der „neuen Institutionenökonomik“ wird die Wirkung von Institutionen auf Wirtschaftseinheiten wie private Haushalte oder Unternehmen untersucht. In seiner kritischen Theorie bezieht Hermann-Pillath die Wirtschaftswissenschaft selbst als Einflussfaktor mit ein.

IMG_2859bAn dieser kritischen Theorie schreibt er gerade. Institutionen würde für gewöhnlich immer entweder als Einflussfaktor oder als Beschränkungen auf Märkten wahrgenommen. Dabei müssten sie laut Hermann-Pillath viel umfassender wahrgenommen werden. „In meiner Theorie behandele ich daher Reflexivität explizit“, sagt er in unserer Ringvorlesung.

Um diese Theorie etwas greifbarer zu machen, hat er viele Beispiele mitgebracht.

Familienunternehmen VS. börsennotierte Gesellschaft 

Eines davon ist die Buchhaltung und das Rechungswesen in modernen Unternehmen. „Dadurch, dass alles im Detail quantifiziert werden muss, herrscht eine bestimmte Denkweise im Unternehmen“, so Hermann-Pillath. Damit meint er, dass beispielsweise in Aktiengesellschaften von den Buchhaltungsabteilungen so gut wie alle anfallenden Einnahmen, Ausgaben, Vermögensgegenstände, etc. in Geldsummen erfasst werden. Die Betrachtungsweise würde das Unternehmen dazu bringen, sich gemäß dieser Zahlen möglichst effizient zu verhalten. Vergleiche man dieses System mit einem klassischen Familienunternehmen, zeige sich, dass durchaus auch andere Werte in ertragreichen Unternehmen herrschen könnten.

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Hier geht’s zur Videoaufzeichnung des Vortrags.

Familienunternehmen unterliegen in Deutschland in der Regel deutlich weniger strengen Veröffentlichungspflichten als klassische Aktiengesellschaften. Dadurch, so Hermman-Pillath, könnten andere Werte noch Platz im Unternehmen haben. So würden zum Beispiel regional verwurzelte Unternehmer am Standort Deutschland festhalten, auch wenn es wirtschaftlicher sein könnte, die Produktion komplett ins Ausland zu verlegen. Oder es würde als nachfolgender Geschäftsführer ein Familienmitglied eingesetzt, obwohl ein externen Bewerber möglicherweise qualifizierter wäre um den Unternehmensgewinn zu maximieren. „Aber hier zählen dann neben Gewinnmaximierung doch noch ein paar andere Dinge“, sagt Hermann-Pillath zwinkernd. Diese würden nur von den Wirtschaftswissenschaften oft nicht erfasst.

Die Lehre beeinflusst sich selbst

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Hier findet ihr die Folien des Vortrags.

Ein weiteres seiner Beispiele ist die Lehre selbst. Das moderne Verständnis von Wirtschaftswissenschaften beeinflusse zum einen die Forschungsinstitutionen, die geschaffen würden. Auch Unis müssen wirtschaften. Zum anderen würden durch das System Anreize geschaffen, in gewisse Richtungen zu forschen. Doktoranden an seinem Lehrstuhl würde er zum Beispiel mit Blick auf ihre Zukunftsperspektiven in der deutschen Wissenschaft abraten, in einen Bereich wie seinen zu gehen. „Ich hatte mehrere Standbeine und zusätzlich eine große Portion Glück“, so Hermann-Pillath.

Am längsten spricht er über den Einfluss der Wirtschaftswissenschaften auf den Finanzkapitalismus. Das ist auch Hauptbestandteil seiner Forschung. Hier findet ihr eines der Paper von Hermann-Pillath, in dem er seine Vorstellung vom Finanzkapitalismus genauer beschreibt.

Und auch wenn seine Prognose für Forschungsperspektiven in seiner kritischen Institutionenökonomik eher düster ist, beherbergt er möglicherweise eine hoffnungsfrohe Entwicklung. Wenn die aktuell vorherrschende Wirtschaftstheorie einen Einfluss auf die Wirtschaft selbst hat, heißt das auch: Je mehr in eher unkonventionelle Richtungen geforscht wird, desto mehr könnten diese Theorien die tatsächliche Wirtschaft der Zukunft prägen.

Hier findet ihr die Videoaufzeichnung des Vortrags.

Hier findet ihr die Folien des Vortrags.

In den kommenden Wochen warten weitere spannende und kritische Redner auf Euch. Einen Überblick über alle weiteren Veranstaltungen der Ringvorlesung findet ihr in unserem Programm.

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Autor: Lara Marie Müller

Wirtschaftsjournalismus an der Kölner Journalistenschule, VWL an der Uni zu Köln. Fasziniert von fremden Kulturen, Philosophie und Abenteuern. Treibt sich auf Facebook, Twitter & Co als @laramariemu herum.

3 Kommentare zu „Warum die Wirtschaftswissenschaften selbstbewusster werden sollten“

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