Wagt den Blick in die Geschichtsbücher!

Ein Kommentar von Julian Rodemann

Michael Krauses Vortrag über Monetarismus zeigt: Eine historische Einordnung der ökonomischen Modelle gehört in den Lehrplan eines VWL-Studiums. Nur wer weiß, wie Theorien entstanden sind, kann sie verstehen und anwenden. Trotzdem dürfen geschichtliche Exkurse nicht auf Kosten der methodischen Tiefe gehen, findet unser Autor Julian Rodemann.

Zwanzig Minuten für das zwanzigste Jahrhundert – Länger brauchte Michael Krause am Mittwoch nicht, um die historische Entwicklung der Volkswirtschaftslehre im vergangenen Jahrhundert grob zu skizzieren. Eigentlich ging es um etwas Anderes. Der Kölner Professor sprach an diesem Abend über Monetarismus, eine der wichtigsten Denkschulen der jüngeren Ökonomik. Monetaristen sehen in der Geldmenge die entscheidende Stellschraube des Wirtschaftskreislaufs.

Zu Beginn seines Vortrags (hier geht’s zu den Folien) vor gut 60 Gästen wollte Krause nur kurz erklären, wie der Monetarismus in den 70ern populär wurde und dem Keynesianismus ein Stück weit die wirtschaftspolitische Show stahl. Eine knappe historische Einordnung zu Beginn eines Vortrags – eigentlich naheliegend. Und doch mag sich mancher VWL-Student wie im falschen Film gefühlt haben: Ein Kölner Ökonom spricht in einem Hörsaal der Universität zu Köln länger als fünf Minuten über die Ideengeschichte des eigenen Faches. Krause thematisierte Fragen, die sonst zwischen Ilias-Passwörtern und Klausurterminen in der ersten Vorlesungssitzung unter das Rednerpult fallen: Wollte Keynes mit seiner Wirtschaftspolitik den Kapitalismus vor dem Sozialismus retten? Wie führten die Ölpreisschocks der 70er zum Aufstieg des Monetarismus? Und überhaupt: Beeinflusst die Ökonomie die Ökonomik? Oder umgekehrt?

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Hier geht’s zu den Folien des Vortrags über Monetarismus.

 

 

Was heute Mainstream ist, galt in den 50ern als Randerscheinung

Man kann es nicht anders sagen: Es ist ein Armutszeugnis für die ökonomische Lehre, dass die Zuhörer am Mittwoch mehr über die Geschichte der VWL gelernt haben als in einem wirtschaftswissenschaftlichen Bachelor. Die Ideengeschichte des eigenen Fachs muss Teil des Studiums werden. Sicher, an vielen Universitäten ist die Wirtschaftsgeschichte (noch) Teil der Lehrpläne – auch in Köln. Doch geht es hier eher um die Geschichte der Ökonomie, von der Weltwirtschaftskrise über das Wirtschaftswunder bis zur Wiedervereinigung. Wie sich wirtschaftliche Theorien entwickelt haben, wird meist ausgespart. Dabei ließe sich viel lernen über die Modellwelten, die nicht selten als in Formeln verpackte Naturgesetze präsentiert werden. Denn das sind sie mitnichten. Was etwa heute als „Mainstream“ gilt, hätten Studenten in der Nachkriegszeit höchstens in einer abendlichen Ringvorlesung über Plurale Ökonomik kennengelernt.

Ökonomen testen Modelle empirisch, das heißt: Sie konfrontieren sie mit der Wirklichkeit. Und die ändert sich. Keynes Hauptwerk „A General Theory“ schrieb er, weil die Weltwirtschaft zusammengebrochen war – von einem allgemeinen Gleichgewicht, das viele Ökonomen zuvor angenommen hatten, war der Arbeitsmarkt Anfang der 30er-Jahre weit entfernt. Der Keynesianismus und seine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik bewährten sich in der Praxis, bereits in den 50er-Jahren dominierten sie die Ökonomik.

Neue Zeiten, neue Rezepte

Doch zu Beginn der 70er wirkten die keynesianischen Rezepte nicht mehr. Der Patient, die Volkswirtschaft, wurde mit den Medikamenten der Keynesianer vollgepumpt, ohne dass die Symptome, vorrangig die Arbeitslosigkeit, geheilt wurden. Es traten sogar neue Beschwerden auf: Die Inflation wurde durch die Staatsnachfrage angeheizt. Neue Mediziner, zuvor als Homöopathen verschrien, mussten ran: Die Monetaristen vertrauten auf die Selbstheilungskräfte der Volkswirtschaft, dezentrale Allokationsmechanismen (bedeutet: die Privatwirtschaft) würden den Patienten schon wieder auf die Beine bringen, so argumentierte etwa Milton Friedman, der wichtigste Vertreter dieser Lehrmeinung. Die Keynesianer hatten aus seiner Sicht zu viel am Patienten „herumgedoktert“ (Krause). Wenn nur das Geldmengenwachstum stabil bliebe, würde die Volkswirtschaft schon wieder gesunden.

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Michael Krause gilt als aufgeschlossen gegenüber der Pluralen Ökonomik. Seinen Vortrag  schloss er gleichwohl mit einem Seitenhieb in Richtung der Pluralisten. Foto: Philipp Kloos.

Lange bevor Krause zum eigentlichen Thema des Vortrags (Finanzkrise aus Sicht des Monetarismus) kam, hatten die Zuhörer schon viel gelernt. Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet käme so mancher Bachelor-Student schneller zu der Einsicht, dass ökonomische Theorien nicht vom Himmel fallen. Die Ökonomik ist eine Sozialwissenschaft; die Wirtschaftssubjekte sind Menschen, und Menschen sind Resultate ihrer Zeit, in der sie leben. Wissenschaft hat das Ziel, die Welt kritisch zu untersuchen. Sie darf vor sich selbst nicht halt machen, muss auch ihre eigenen Konzepte unter die Lupe nehmen. Viele Professoren tun das mit Sicherheit, aber auch in der Lehre sollte eine kritische historische Einordnung der Modelle nicht zu kurz kommen.

Professor Krause gilt in Köln als aufgeschlossen gegenüber der Pluralen Ökonomik. Seinen Vortrag schloss er gleichwohl mit einem Seitenhieb in Richtung der Pluralisten im Publikum, einem Zitat des MIT-Ökonomen Rudiger Dornbusch: „Never talk about methodology. Just do it.“ Er drückt damit die unter Professoren – zu Recht – verbreitete Sorge aus, ideengeschichtliche Elemente in der Lehre könnten endlose Methodendebatten zur Folgen haben. „Wenn wir direkt in die Breite gingen, würden wir in keine Lehre wirklich tief genug eindringen,“ sagte Michael Krause dem Online-Magazin Orange des Handelsblatts im Vorfeld seines Vortrags. Logisch, wer sich mit 50 verschiedenen Theorien beschäftigt, verliert schnell den Blick auf das Wesentliche: Die Wirtschaft selbst. Doch Ideengeschichte muss nicht bedeuten, dass im Bachelor über jede überlieferte Silbe Aristoteles‘ zur Wirtschaft diskutiert wird. Es muss nicht jede noch so veraltete Theorie im Curriculum stehen. Doch zumindest jene Modelle, die gelehrt werden, sollten historisch eingeordnet werden. Michael Krause hat gezeigt: Zwanzig Minuten können dafür reichen.

Was meint ihr? Wie viel Ideengeschichte gehört ins Wirtschaftsstudium? Was sollten VWL- und BWL-Studenten über die Herkunft der gelehrten Modelle wissen? Diskutiert mit uns, auf Facebook oder per Kommentar unter dem Artikel. 

In den kommenden Wochen warten weitere spannende und kritische Redner auf Euch. Einen Überblick über alle weiteren Veranstaltungen der Ringvorlesung findet ihr in unserem Programm.

Anmerkung: Bei der Videoaufzeichnung hatten wir technische Probleme. Wir hoffen, diese lösen und das Video schnell nachliefern zu können.

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