„Die Peripherie der Peripherie“

Von Eva Haas

Nachdem in der letzten Sitzung mit Karl Marx einer der größten ökonomischen Denker zu Wort kam, geht es weiter mit einem weniger bekannten Namen: Friedrich Wieser, Mitbegründer der österreichischen Schule. Theresa Steffestun, Gründungsmitglied des Netzwerk Plurale Ökonomik, stellt seine Person und Wirtschaftstheorie vor. Quintessenz: Erkenne dich selbst.

Theresa Steffestun, Nachwuchsforscherin an der Cusanus Hochschule, stellt den Zuhörern eine  Grundsatzfrage: „Was bedeutet es, eine Wissenschaft der Ökonomie einzurichten?“ Oder in anderen Worten: „Ökonomie – wat is dat?“ Darüber haben sich zwar schon verschiedenste Schulen und Professoren überworfen, in der ökonomischen Lehre sei diese Debatte allerdings wenig rezipiert.

Sie zieht Friedrich Wiesers Wirtschaftstheorie als Fallstudie heran. Wieser mitbegründete die oft als neoliberal verstandene österreichische Schule und war Lehrer von unter anderem F.A. Hayek. Um die Austrians soll es heute aber nur am Rande gehen, Steffestun greift mit Wiesers Wirtschaftstheorie eine Seitenlinie auf – „die Peripherie der Peripherie eben“. Wieser stelle deswegen einen interessanten Fall dar, da er gegen alle bestehenden Annahmen und Konventionen seine Theorie komplett unabhängig konstruiert habe. Zum Zerwürfnis kam es unter anderem mit Joseph Schumpeter.

DSC_0081bWarum wird schnell klar. Wieser fordert eine radikale Umdeutung zur Ökonomie als Geisteswissenschaft. Verbannen will er Formeln, Berechnungen und Experimente aus ökonomischen Überlegungen. Erkenntnisweg und -ziel wird das Subjekt, das Ich. Dies ist als Gegenentwurf zum Selbstverständnis der Ökonomie über den Begriff der Methodologie zu verstehen. Wieser wolle die Ökonomie über ihren Gegenstand definieren und dieser Gegenstand sei der Mensch.

Ökonomisches Wissen sei, weil wir es täglich leben, schon in jedem Menschen vorhanden, durch Introspektion solle man es erkennen können. Wo dabei die Grenze zwischen ökonomischen und nicht-ökonomischen Handlungen besteht, beantwortet er nicht. Lange Induktionsreihen bräuchten wir in der ökonomischen Wissenschaft nicht, da der Mensch direkt an der Quelle säße und nach Selbsterkenntnis strebe. Seine Methodologie ist also rein empirisch. Das Wissen über sich und andere soll als einzige Erkenntnisquelle dienen. Dann wird es etwas obskur: Eine Art praktisches Wissen, das jeder schon besäße, soll Wissenschaftlern den richtigen Weg in der Forschung weisen. Dieses praktische Bewusstsein nennt er das Es. Ob es angelehnt an das freudianische Es ist, bleibt unklar. Bekannt ist aber, dass Wieser sich von anderen großen Denkern seiner und der vorangegangen Zeit inspirieren lies, darunter Tolstoi und Nietzsche.

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Hier könnt ihr die Videoaufzeichnung auf den Servern der Uni Köln anschauen.

Vielleicht ist es eine Illusion, aber man meint den Einfluss Nietzsches im Terminus zu spüren: Eine anonyme Macht – nicht auf Personen rückführbar aber von ihnen getragen – sorge für die Kohäsion der Gesellschaft. Das Paradox des Menschen läge darin, dass sein subjektives Ich-Gefühl durch Konstruktionen der Gesellschaft zustande käme. Die unbekannte Macht, die so sehr mit dem Ich verwurzelt sei, dass für die meisten Menschen nicht erkennbar, manifestiere sich in gelebten, unhinterfragten Konventionen. Wie zum Beispiel Geld als Tauschmittel zu benutzen, was wir mechanisch „einfach tun“. Womit wir wieder beim subjektiven ökonomischen Alltagswissen wären. Durch dieses gesammelte Wissen sei eine ökonomische Wissenschaft bereits konstituierbar.

„Was kommt raus?“ – Eine der ersten Fragen, nachdem der Vortrag vorbei ist. Zwar erscheint Wiesers Wirtschaftstheorie reichlich kontrovers. Trotzdem war Wieser – obgleich seiner Aversion gegen mathematische Gleichgewichtsmodelle – ein einflussreicher Geldtheoretiker und Vertreter der Grenznutzenlehre.

In den kommenden Wochen warten weitere spannende und kritische Redner auf Euch. Einen Überblick über alle weiteren Veranstaltungen der Ringvorlesung findet ihr in unserem Programm.

>>> Link zum youtube Video

>>> Hier könnt ihr die Videoaufzeichnung auf den Servern der Uni Köln anschauen und das Layout selbst bestimmen.

Als Texte über unsere bisherigen Veranstaltungen sind bereits erschienen:

 

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